Jan Mieley ist kein Freund solcher Sanktionen, doch etwas verärgert ist er schon. Dabei hatte er an diesem Morgen kurz vor Neun schon einmal Anlass zur Freude. Eine Kundin, wie es in der Amtssprache heißt, hat sich mit Pralinen bei dem 39-Jährigen bedankt. Sie wird in ein paar Tagen mit den Kindern nach Osnabrück umziehen – ihrem Mann hinterher. Mehr als 30 Bewerbungen hat der Koch geschrieben, bis es in Osnabrück schließlich mit einer Festanstellung klappte. An der Oder habe sich der Mann mit Zeitverträgen über Wasser gehalten, berichtet Jan Mieley, nicht immer sei er bezahlt worden. Viel Hilfe des Arbeitsvermittlers habe er nicht benötigt. „Fachlich war er gut. Wir haben nur ein bisschen an seiner Bewerbung gefeilt.“ In Osnabrück habe auch die bisher ebenfalls arbeitslose Frau gute Aussichten auf eine Anstellung.
Jan Mieley spricht nicht von Kunden, sondern von Menschen. Und wenn er über sie spricht, fällt immer wieder das Wort „wir“. Etwa 300 Menschen betreut er, führt täglich fünf bis sechs Gespräche. Etwa 70 Prozent seiner Arbeit sei Sozialarbeit, sagt der Verwaltungswirt und dass der Begriff Arbeitsvermittler seine Tätigkeit eigentlich nicht richtig treffe. „Es geht ganz häufig darum, Leute zu festigen und zu motivieren. Wenn jemand zehn oder 15 Jahre arbeitslos ist, geht das nicht spurlos an ihm vorbei.“
Jan Mieley verwahrt sich energisch dagegen, Empfänger von Arbeitslosengeld II über einen Kamm zu scheren. Mietschulden, Suchtprobleme – Schwierigkeiten wie diese müsse er dennoch immer mit im Auge haben und dann auch gemeinsam mit dem Betroffenen eine Lösung suchen. Einen Termin bei der Suchtberatung vereinbaren zum Beispiel. „Es bringt nichts, noch draufzuhauen, wenn jemand Hilfe braucht.“
Jan Mieley hält wenig davon, den Menschen vorzugaukeln, dass sie nach längerer Arbeitslosigkeit ohne Schwierigkeiten einen Job finden. Er verstehe auch, dass jemand in einem Bewerbungsmarathon mutlos werden könne. Dennoch: Mitwirkung ist bei Jobcenter und Agentur für Arbeit Pflicht. Dafür schließt der Arbeitsvermittler mit jedem Arbeitslosen eine sogenannte Eingliederungsvereinbarung ab. „Darin werden Angaben zu Qualifikation, Motivation und Leistungsfähigkeit erfasst“, berichtet Jan Mieley. „Und wir halten fest, was in welcher Zeit erreicht werden soll.“
In der Regel alle drei Monate werden die Bezieher von Arbeitslosengeld II ins Jobcenter eingeladen. Und manchem, für den es nicht gut aussieht auf dem Arbeitsmarkt, vermittelt die Behörde eine Arbeitsgelegenheit für 1,50 Euro pro Stunde. „Das kann schon sehr hilfreich sein, wenn jemandem zu Hause die Decke auf den Kopf fällt“, ist Jan Mieley überzeugt. Und für viele die einzige realistische Alternative: Nur wenige Bezieher von Hartz-VI-Leistungen finden hierzulande wieder einen festen Job.
Die Frau, die für 9.45 Uhr bei Jan Mieley angemeldet ist, rechnet sich dafür gute Chancen aus. Eine Freundin hat der 44-Jährigen den Tipp mit der Reinigungsfirma gegeben, dort arbeitet sie noch bis Ende Juli auf Probe. Ob sie zufrieden sei, möchte Jan Mieley wissen. „Ja, ich bin glücklich“, gibt die Frau zur Antwort. Eine Ausbildung hat sie nicht abgeschlossen, die Kinder leben nach einer schwierigen Beziehung ihrer Mutter mit einem Alkoholiker nicht zu Hause. Der Kontakt zwischen Mutter und Kindern soll aber bestehen bleiben, angestrebt wird, dass die Kinder so bald wie möglich wieder zu Hause einziehen. Deshalb werde auch die Miete für die für eine Person eigentlich zu große Wohnung übernommen, berichtet Jan Mieley. Die 44-Jährige hat ihm erzählt, dass man bei der Arbeit sehr mit ihr zufrieden sei. „Ich sehe für mich eine gute Zukunft“, sagt sie. Vor 18 Jahren war sie zum letzten Mal fest angestellt. Wenn in der Putzfirma eine Stelle frei wird, könnte es klappen mit dem neuen Job.
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