Es war ein ungewöhnliches Bild, wie die Prominenz von Frankfurt und Slubice, ein Landesminister, ein Wojewode und der Botschafter Polens am Sonntagvormittag eng gedrängt im Linienbus saßen und standen. "Bauch an Bauch" wie Steffen Möller per Bordmikrofon kommentierte. Der Kabarettist mit eingehenden Polen-Erfahrungen moderierte die Premierenfahrt, die pünktlich 11 Uhr vom Europaplatz in Frankfurt zum Heldenplatz in Slubice begann.
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Während die Passagiere der ersten Busse, die nach der Jungfernfahrt stündlich zwischen den zwei Städten fuhren, immer wieder spontan applaudierten, herrschte beim Fahrer Carsten Thiele feierliche Konzentration. Als einer von sechs speziell geschulten Busfahrern wird er künftig immer wieder Busse über die Grenze steuern. Einen kleinen Sprachkurs hat er genauso hinter sich wie eine Unterweisung von der polnischen Polizei, schließlich herrschen jenseits der Brücke auch andere Verkehrsregeln. "Für mich ist das rein positiv", kommentierte er seine neue Route. "Wir sind Europa und wachsen zusammen, das sollte man auch im Nahverkehr sehen."
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Damit sprach der Busfahrer weit entfernt vom Rednerpult aus, was die Polit-Prominenz kurz nach ihrer Ankunft am Plac Bohaterów (Heldenplatz) ein ums andere Mal wiederholte. "Wir rücken näher aneinander heran, das ist wichtig", betonte Oberbürgermeister Martin Wilke und warb mit der neuen schnellen Verbindung "vom Platz der Helden zum Alexanderplatz".

Wilke betonte, dass die Busverbindung erst nach vielen Jahren der Diskussion und nur mit der Unterstützung vieler realisiert werden konnte. Nicht zuletzt tragen Studenten zu dem Grenzverkehr mit einer erhöhten Semestergebühr bei. Und so stieg auch eine größere Gruppe von ihnen bei der ersten regulären Fahrt vom Frankfurter Bahnhof am Mittag ein. Nicht ohne mit ihrem Transparent "Hier soll ein Bus fahren" auf sich aufmerksam zu machen. Jährlich bezahlen sie künftig im Rahmen ihre Semestergebühr rund 45 000 Euro für die neue Verbindung, worüber ebenfalls lange diskutiert worden war.

Von einer großen praktischen Bedeutung der Linie 983 für die Bürger beider Städte sprach der polnische Botschafter Andrzej Szynka. "Sie haben das nächste Kapitel Ihrer gemeinsamen Geschichte aufgeschlagen", lobte er den Einsatz beider Städte.  Den Stolz über die Vorreiterrolle, die Frankfurt und Slubice mit dem ersten öffentlichen Nahverkehr über die deutsch-polnische Grenze einnehmen, brachte Slubices Bürgermeister Tomasz Ciszewicz mit den Worten auf den Punkt: "Ich möchte, dass man auf uns neidisch ist und sich ein Beispiel nimmt."
Doch auch wenn die Buslinie ein "großes Ereignis für die Doppelstadt" ist, wie Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger versicherte, erinnerte ein mehrmals entrolltes Plakat der Initiative Pro Tram daran, dass es sich für einige um einen Zwischenschritt handelt. Der Grünen-Stadtverordnete Jörg Gleisenstein betonte: "Wir haben eine Doppelstrategie. Daran muss man immer wieder erinnern." Das Ziel der Bürgerinitiative bleibe eine Straßenbahn, wie sie einst ab 1898 über die Oder rollte.
Die Linie 983 fährt stündlich zwischen Bahnhof und Plac Bohaterów. Zwischen fünf und acht Uhr gibt es halbstündliche Verbindungen. Der letzte Bus fährt täglich 21.35 Uhr vom Bahnhof und 22.11 Uhr von Slubice los. Tickets für 1,40 Euro gibt es im Bus.
Mahnen zum nächsten Schritt: Stadtverordnete erinnerten mit einem Plakat daran, dass ihr Ziel eine Straßenbahn bleibt.