Was wurde in Frankfurt (Oder) während der vergangenen 30 Jahre aufgebaut oder erneuert? Bolfrashaus, das ehemalige Georgenhospital, Marienkirche, Lenné Passagen, Ziegenwerder, Wollenweber-, Berliner, Berg-, Fischer- und Große Scharrnstraße, Oderpromenade, alte Bürgerschule – die Liste, die Oberbürgermeister René Wilke beim Festkonzert zum Einheitsjubiläum am Samstag aufzählt, geht noch viel weiter. „Und hoffentlich bald das alte Kino und das Kleist-Theater.“

OB Wilke betont Reichtum Frankfurts außerhalb des Finanziellen

Nicht alles davon sei eine Erfolgsstory, manches eine Mahnung, Fehler nicht zu wiederholen. Die Stadt sei reicher geworden, womit der OB nicht das Finanzielle meint. „Der Reichtum dieser Stadt ist nicht der städtische Haushalt.“ Frankfurt habe sich verändert in den Jahren seit der Wiedervereinigung. Wie der 3. Oktober 1990 war, daran kann sich der damals sechsjährige René Wilke heute nicht mehr erinnern. Linken-Stadtverordnete Karin Muchajer, das weiß er jedoch noch, war in der DDR seine Kindergärtnerin. „Zumindest mir gegenüber macht sie heute noch das Gleiche wie früher: kontrollieren, dass ich keinen Unsinn anstelle, und zur Not erzieherische Maßnahmen ergreifen.“

„Die deutsche Einheit wird nie vollendet sein“

Kategorien wie „Ossi“ und „Wessi“ spielen bei ihm keine Rolle, sagt der OB. Nach ihm spricht Viadrina-Präsidentin Julia von Blumenthal. Und stellt sich vor mit den Worten: „Ich spreche zu Ihnen als Westdeutsche.“ Sie erzählt von den Gesprächen über den Verbleib der Stasiunterlagenbehörde in Frankfurt, von der Viadrina, die – damals neugegründet – „den schmerzhaften Transformationsprozess anderer Universitäten in Ostdeutschland nicht mitmachen musste“. Sie spricht aber auch vom großen Anteil in Westdeutschland geborener Professoren in der Viadrina-Hochschulleitung und wenigen mit Migrationsbiografie.

Gottesdienst in der Friedenskirche

Auch in der Friedenskirche geht es am Morgen dieses Einheitsjubiläums nicht nur ums Brückenschlagen zwischen Ost und West, sondern auch um die Frage: Wer hat Anspruch auf Barmherzigkeit? Der ökumenische Gottesdienst rückt das füreinander Aufstehen, füreinander Einstehen in den Fokus – egal, ob katholisch, evangelisch, orthodox, jüdisch, islamisch oder konfessionslos. „Die deutsche Einheit wird nie vollendet sein“, sagt Superintendent Frank Schürer-Behrmann. Denn jede Generation habe die Aufgabe, ein Gemeinwesen aufzubauen, in dem man füreinander da ist.

Doppelstadt Frankfurt - Slubice als Symbol Europas

Bevor das Brandenburgische Staatsorchester in der Messehalle die Nationalhymne anstimmt und Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 3 „Eroica“ spielt, schlägt Słubices Bürgermeister Mariusz Olejniczak die Brücke zur Solidarność-Bewegung. „Es gibt keine Freiheit ohne Solidarität“, sagt er. Frankfurt und Słubice waren vor 30 Jahren Grenzstädte, das habe man als Nachteil empfunden. Auch er spricht vom „Wir“ und „Ihr“, von Polen und Deutschland, ist aber überzeugt: Die Doppelstadt sei zu einem Symbol des vereinten Europas geworden.
So grenzenlos, wie man sich 30 Jahre deutsche Einheit wünschen würde, ist die Feier aus ganz pragmatischen Gründen dann aber nicht. „Ich hätte ihn ja gerne gedrückt“, scherzt René Wilke nach der Rede seines polnischen Amtskollegen. Auch Generalmusikdirektor Jörg-Peter Weigle kann er nicht die Hand schütteln, dieser seinem 1. Konzertmeister nicht per Handschlag danken. So wird in Frankfurt der Gruß mit der Faust zum Zeichen der Einheit an diesem 3. Oktober.