Der Historiker Joachim Schneider ist für seine Forschung über die Geschichte Frankfurts bekannt. Der 82-Jährige widerlegt Behauptungen aus DDR-Zeiten von einer 70-prozentigen Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg. Noch 1985 wurde im Neuen Tag von einer "nahezu vollends zerstörten Stadt Frankfurt" geschrieben. "Die Faschisten hatten alles unternommen, um ihre Niederlage, ihren Abtritt von der Weltbühne auch in Frankfurt einem Weltuntergang gleichkommen zu lassen."
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Nach Schneiders Recherchen fielen am 21. und 22. April 1945 annähernd tausend Bomben auf Frankfurt. 200 von ihnen wurden später als Blindgänger geborgen. Doch nicht nur die Bomben der Roten Armee waren es, die Häuser, vor allem der Innenstadt, stark beschädigten. Nach der Befreiung der Stadt durch die Sowjets sei "die Zerstörung einzelner Häuser durch Strafexpeditionen der Eroberer unter Beteiligung deutscher Informanten belegt", betont Joachim Schneider. Man hätte unversehrte Gebäude angesteckt. Schneider bezifferte den Zerstörungsgrad der Wohngebäude im gesamten Stadtgebiet mit 21,7 Prozent. Die Schäden bei Behörden- und Militärbauten lagen bei 21 Prozent.
Nicht genug, dass zum Kriegsende ein großer Teil der Innenstadt in Rauch und Flammen aufging. Die Zäsur an der Bausubstanz und damit das Unglück der Stadt setzte sich in den 60er- bis 80er-Jahren fort. Was an historischen, wenig zerstörten und damit erhaltenswerten Bauten aus dem alten Frankfurt übrig blieb, verfiel. Oder wurde mit den begrenzten Mitteln einer Mangelwirtschaft notdürftig saniert. Im schlimmsten Fall einfach abgerissen. Die Schwarz-Weiß-Fotos auf dieser Seite belegen: Dem Erdboden gleich gemacht wurde, was einigen Stadtbaudirektoren und Verantwortlichen der allmächtigen SED nicht zeitgemäß erschien: Siehe Kruzifixhäuschen. Oder im Weg stand: Siehe Sophienstraße. Oder zu viel Geld und Baumaterial verschlang: Siehe Große Müllroser Straße.
Als trauriges Datum ging zum Beispiel der 20. Dezember 1962 in die Stadtgeschichte ein. Wegen geplanter Neubauten wurde damals das alte Universitätsgebäude, auch Collegienhaus genannt, gesprengt. Jahre zuvor hatten sich einige junge Abgeordnete in einer Stadtverordnetenversammlung für die Rettung der Alma Mater eingesetzt. Das Gebäude sei zwar in einem erbärmlichen Zustand, aber erhaltenswert. "Von dem wenigen, was uns der wahnwitzige letzte Krieg übrig ließ, müssen wir das Wertvollste für die Nachwelt erhalten", hieß es. Auch Frankfurts späterer Ehrenbürger Wilhelm Neumann, damals Leiter der Abteilung Aufbau im Rat der Stadt, gehörte zu den Mahnern. Zwei Monate nach der endgültigen Liquidierung des Gebäudes richtet der Bildende Künstler Rudolf Grunemann (1906-1981) im Februar 1963 einen kritischen Brief an den Neuen Tag. Ein Schreiben, das nicht veröffentlicht wurde. Er fragte pessimistisch: "Wann aber wird man über Abrisse diskutieren, die nicht wieder gut zu machen sind?"
Vielleicht jetzt.
Um 1950: Zwischen der Marienstraße und der Fürstenwalder Straße stand in der Halben Stadt 3 und 4 einst die Bank für Handwerk und Gewerbe. Das Nachbarhaus erlitt zwischen dem 20. und 22. April 1945 einen typischen Bombenschaden, war aber ausbaufähig. Das spätklassizistische Bankgebäude musste Ende der 70er-Jahre dem geplanten Neubau des Konsument-Warenhauses weichen. Am Bildrand links ist das Lichtspieltheater der Jugend zu sehen. Fotos (8): Sammlung Christoph Neubauer.
Um 1952 und 2012: Als die Walter-Korsing-Straße noch Am Anger hieß, wurden dort nach 1860 mehrgeschossige Wohnhäuser mit prachtvoll geschmückten Stuckelementen gebaut. Die Häuser 27-33 sind an der Fassadenstruktur noch eindeutig mit Fotos aus dem Frankfurt der 1920er-Jahre identifizierbar. Auffallend das Haus 31 mit seinem markanten Balkon und der Giebelspitze mit einer bekrönenden Zinkpalmette. Die Häuser Richtung Hotel Zur Alten Oder wurden abgerissen.
Um 1955: Richard Dörfel ließ 1927 in der damaligen Richtstraße ein modernes Eckgebäude erbauen, auch Turmhaus genannt. 1953 zog dort die Volksbuchhandlung Ulrich von Hutten ein.
Um 1980: Ab 1875 wurden westlich des Alten Friedhofs, des heutigen Kleistparks, mehrgeschossige Mietshäuser gebaut, hier die Sophienstraße 25. Mit dem Bau der Stadtkerntangente ab 1984 wurden 1988 auch dieses Haus und die Luisenstraße 39-42 abgebrochen.
2012: Der Fotograf "blickt" hier mit seiner Kamera am Ende der Sophienstraße auf den Beginn der Luisenstraße (rechts) und auf jene beschmierte Hausfassade, vor der die markante Häuserzeile (Foto links) stand. Hier rollen jetzt Autos über das Asphaltband der Kieler Straße.
2012: An jener Stelle, wo einst die Bank stand, befindet sich heute die Lieferanten-Einfahrt für den Kaufland-Komplex. Links das 1955 eröffnete Lichtspieltheater der Jugend. Nach der Einweihung des neuen Ufa-Kinos im Mai 1998 schloss das Filmtheater für immer.
2012: Mit dem Bau der Magistrale ab 1958 verschwand auch das Dörfelhaus. Die Buchhandlung zog mehrfach um und fand Ende 1972 ihr endgültiges Domizil im Oderturm.
Um 1955: Zwischen der Küstriner Straße (heute Herbert-Jensch-Straße) und Goepelstraße stand diese kleine Kapelle, Kruzifixhäuschen genannt. Hier beteten schon im Mittelalter die Sünder, bevor sie auf den Galgenberg geschafft wurden. Das Häuschen wurde 1964 trotz Protesten abgerissen.
Um 1954: Die Seitenflügel der westlichen Häuser der Rosenstraße berührten einst die mittelalterliche Stadtmauer. Insgesamt gab es 55 Wehrtürme. Wiekhäuser für die Wachen, die ausschauten wie Fensteröffnungen (Foto). Im Bildhintergrund ist das Dörfelhaus zu sehen.
2012: Die Stadtmauer, in Backsteinbauweise gebaut, ist seit 1958 verschwunden. Ältere Frankfurter berichteten, dass die restlichen Steine in den 1960er-Jahren nach Rostock transportiert worden seien, weil dort die alte Stadtmauer saniert wurde. Außerdem hätten sich damals Bewohner der neuen Dreigeschosser in der Wollenweberstraße (Foto) beschwert, der Blick zum Lennépark würde ihnen durch die Mauer versperrt. Legende? Wahrheit? Fotos (8): MOZ/Dietmar Horn
2012: Nichts erinnert mehr an der Straßengablung an das einstige Häuschen mit dem barocken Kruzifix, das zum Glück vom Museum Viadrina gerettet wurde. Das kleine und interessante Baudenkmal mit einer Grundfläche von 13 Quadratmetern hatte den Zweiten Weltkrieg unversehrt überstanden.
Um 1955: Hier, in der Lindenstraße/Ecke Gubener, wurden einst Lacke und Farben verkauft. Nach Jahren des Leerstands fiel das Haus mit dem Seitenflügel 1978 dem Abriss zum Opfer.
2012: Nach jahrelanger Brache befindet sich seit 1996 auf dieser Fläche das City Park Hotel. Das 3-Sterne-Hotel hat mehr als 90 Betten.