Mitten in den Vorbereitungen der 100-Jahr-Feier steht Wolfgang Klaus Mitte November auf einmal vor Pfarrer Tadeusz Kuzmicki im katholischen Studentenzentrum am Slubicer Plac Jana Pawla II. Der 83-Jährige hat sich zusammen mit seiner Frau Brigitte zum ersten Mal in das Haus gewagt, in dem er 1930 geboren wurde und 15 Jahre seiner Kindheit und Jugend verbrachte."Hier auf diesem Geländer bin ich immer runtergerutscht", sagt er, als er oben an der Treppe steht und schwingt ein Bein auf die Holzballustrade. Kurz guckt der junge polnische Pfarrer erschrocken, bevor beide lachend die Treppen hinuntersteigen.
Klaus' Eltern Oskar und Erna waren 1929 in das Haus gezogen, in dem heute der Pfarrer wohnt und arbeitet. Sie betrieben das Marienbad III, heizten die Öfen, gaben Handtücher und Badezusätze aus, kassierten und putzten. Im Erdgeschoss, wo heute Studenten an einem langen Holztisch ins Gespräch kommen, badeten damals in engen Kabinen die Frauen, in der heutigen kleinen Kapelle auf der anderen Seite des Treppenhauses befand sich das Herrenbad. 30 Minuten durften Besucher für 30 Pfennig im Wasser bleiben, 15 Minuten Duschen kostete 15 Pfennig - ein Weckerklingeln beendete das Badevergnügen. "Hierher kamen nicht nur Leute vom Damm, sondern aus der ganzen Stadt", erinnert sich Klaus. Das Marienbad III - eins von drei öffentlichen Bädern, die auf Initiative des Arztes Heino Goepel errichtet und nach seiner Frau benannt wurden - hatte sich zu einer Wohltat für die Massen entwickelt.
Die Eltern hatten damit so viel Arbeit, dass die Zeit für das Kleinkind Wolfgang manchmal fehlte. In einem Stuhl setzte ihn die Mutter dann in den Garten, Hund Puckchen bewachte den Jungen, oft half die Tante aus. Auf dem Neuen Markt vor dem Haus spielte Wolfgang Klaus später mit Gleichaltrigen Fußball.
Das Ende seiner Zeit im Marienbad hat wenig von den idyllischen Erzählungen der Jahre davor. Im Januar 1945 wurde die damalige Dammvorstadt geräumt, zusammen mit der Mutter und einem Koffer ging Klaus fort - für 68 Jahre. Wenn der Rentner erzählt, wie er in den kommenden Jahren immer wieder vor seinem Geburtshaus stand und es nicht betreten wollte, ahnt man etwas von seinem inneren Zwist, darüber reden möchte er nicht viel. Es sei eine Befriedigung, dass das Haus heute für Jugendzwecke zur Verfügung stehe. Bitterkeit sei keine übrig. "Da ist man drüber weg", sagt er und deutet nur an, wie fassungslos er und seine Mutter nach 1945 waren, als klar war, dass sie nicht mehr in das Haus gelangen würden. Sie ließen sich in Frankfurt nieder. Sein Vater, der Bademeister, war aus dem Krieg nicht zurückgekommen, bis heute weiß Klaus nichts über seinen Verbleib.
Pfarrer Kuzmicki hört all diesen Geschichten aufmerksam zu. Längst hat er Pralinen und Getränke vor dem Ehepaar Klaus aufgebaut. Das Treffen ist für ihn ein Glücksfall. Er organisiert eine Feier zum 100-jährigen Bestehen des Hauses, bei der die Geschichte im Mittelpunkt stehen soll. "Es ist eine Freude, jemanden kennen zu lernen, der hier gelebt hat", sagt er.
Noch bis 1976 wurde das Haus als Bad genutzt, dann war es ein Wohnhaus. 1989 übernahm es der Diplomat Gottfried Pagenstert, auf den auch der Innenausbau zurückgeht. 1999 vermachte Pagenstert das Gebäude dem Bistum Zielona Gora - Gorzow Wielkopolski - die katholische Studentengemeinde zog in das geschichtsträchtige Haus ein.
Auf dem Boden befindet sich heute eine imposante Bibliothek, die hohen Regale reichen bis an die Dachbalken. "Das war mein Spielplatz", erinnert sich Klaus bei einer spontanen Führung durch das Haus. Reck und Kletterstange hatte er dort oben und wenn seine Mutter ihn mit dem Rohrstock bestrafen wollte, flüchtete er bis in die höchsten Balken. Emotional sei dieses erste Wiedersehen mit seinem Elternhaus, sagt er noch leise und seine Frau legt ihm beruhigend die Hand auf den Unterarm.
Die Feierlichkeit am Sonnabend beginnt um 15 Uhr. Interessierte sind willkommen.