Ein großes „1200“ prangt seit dem Wochenende breit unter der Stadtbrücke. Das neue Graffiti an Frankfurts wohl beliebtester Sprayerwand erinnert an alte Zeiten, schon der verschnörkelte Stil wirkt „Neunziger“. Micky Mouse ist unter anderem in dem kleinteiligen Gemälde zu erkennen und der Schriftzug „Under Pressure“. Der Titel des Queen-Songs? Oder doch eher eine Anspielung aus dem 90er-Jahre-Rapper-Hit „Ice Ice Baby“, der eine Sequenz aus dem Queen-Lied zitiert? Oder einfach „under pressure“ – also „unter Druck“, weil in den 90ern viele unter Druck waren? Unter dem Druck des Nachwende-Kapitalismus, der Veränderungen, unter dem Druck der rechtsextremen und gewaltbereiten Cliquen, die jenen Frankfurter Jugendlichen feindselig gegenüberstanden, die sich nun mit der alten Postleitzahl 1200 beschreiben?

Zeit Online-Autor Christian Bangel schreibt Hommage für eine Frankfurt-Generation

1200, der Code sagt auch Lesern von Christian Bangels „Oder Florida“ etwas – dem 2017 erschienenen Roman jener Frankfurt-Generation, die sich hier ein Denkmal setzt. Bangel selbst war zwar bei dem Projekt nicht enger eingebunden, wie er sagt, hat es aber mit Worten bedacht: „1200, das ist das Erkennungszeichen derer, die die harten, aber auch lustigen Zeiten der Neunziger und Nuller in Frankfurt miterlebt haben. 1200 nutzten damals die Writer und Sprayer, 1200 hieß später ein Stadtmagazin, bei dem ich mitarbeitete.
Aber es stand und steht für mich auch für die vielen anderen Subkulturen, für Punks und Alternative, für Metal und Gothics und EBM-Leute, für Techno und Raver. Es steht für ‚Scheiß auf Nazis’ und ‚Ey das is mein Bier’. Es steht für Wochenendticket, Kulturfabrik und Tequilaparty. Es steht, trotz allem, für den Glauben an diese Stadt“, schreibt der Zeit Online-Autor auf seiner Facebookseite. Und dass sein Romantitel „Oder Florida“ im Gemälde verewigt ist? „Ich fühle mich geehrt“, sagt Bangel.

Graffiti haben in Frankfurt (Oder) lange Tradition

Zwölf der von ihm bewunderten Graffiti-Künstler von einst kamen vergangene Woche aus der ganzen Republik und teilweise aus anderen Ländern wieder zusammen, um still und ohne viel Aufhebens an der Reminiszenz an ihr eigenes Schaffen zu arbeiten. „Es geht darum, ein Zeitzeugnis der sehr entwickelten Graffiti- und Skateboard-Kultur der 90er zu schaffen. Die war bereits damals zwischen Frankfurt und Słubice eng vernetzt“, erklärt Heike Karg vom Mikado.
Das Zentrum war damals der Anlaufpunkt der Szene. Relativ früh entstanden in Frankfurt legale Graffiti, da die Stadt Wände zur Verfügung stellte. Im vergangenen Jahr meldeten sich einige Akteure von damals – die meisten wohnen nicht mehr in der Doppelstadt – bei Heike Karg, mit dem Vorhaben, die Szene, ihre Treffpunkte und Werke in einem Buch zu dokumentieren und in einem neuen Bild lebendig werden zu lassen.

Unithea-Kunstwerk von P. Banause wurde übermalt

Heike Karg beantragte Geld beim Bundesprogramm „Demokratie leben“, das Mikado legte Geld dazu, außerdem mehrere Spender – rund 10.000 Euro kamen so zusammen. Das Buch ist fertig, das opulente Kunstwerk an der Stadtbrücke ebenfalls. Seit Dienstag ist es ohne Gerüst zu sehen. Am 1. Mai soll es offiziell an Oberbürgermeister René Wilke übergeben werden. Im Sommer finden zudem noch Sprayer-Workshops mit Jugendlichen statt.

Frankfurt (Oder)

Weichen musste für das Gemälde am Brückenkopf das Werk eines jungen Künstlers: Das Mädchen, das in kontaktlosen Zeiten allein ihr Kissen umarmt. Es entstand zum Unithea-Festival 2020. „Mir war bekannt, dass die Wand reserviert ist für diese Aktion. War alles abgesprochen“, sagt P. Banause, Autor der „Umarmung“. Dass seine Corona-Ikone nicht in das 1200-Werk integriert wurde, findet er nicht schlimm. „Ich bin ja ein junger Frankfurter Künstler, da waren jetzt die Oldschooler am Zug“, sagt er augenzwinkernd.