Update: Nach der Umarmung von René Wilke und Mariusz Olejniczak hat sich OB Wilke selbst beim Gesundheitsamt von Frankfurt (Oder) angezeigt.
Das sei wie drei Mal Silvester gewesen, beschrieb ein Frankfurter überrascht die Stimmung in der Nacht von Freitag zu Sonnabend auf der Stadtbrücke. Er muss es wissen, denn er hat schon einige Grenzöffnungen und Jahreswechsel an der Oder erlebt. Seit Sonnabend 0 Uhr herrschen wieder freie Fahrt und freier Gang über die Brücke. Und anders als von manchen befürchtet, kam es am Wochenende nicht zum „deutschen Armageddon“, wie man in Słubice die an Wochenenden vorkommenden Megastaus nennt, verursacht oft von Einkäufern und Konsumenten aus Deutschland.
Am Freitag eine Stunde vor Mitternacht konnte man kurz den Eindruck gewinnen, es könnte anders kommen. Grüppchen junger Leute sammelten sich am Frankfurter Brückenkopf, glühten vor mit Bier und 90er-Jahre-Musik. „Kippen!“ war die einhellige Antwort auf die Frage der immer zahlreicher aufschlagenden Reporter überregionaler Medien, worauf sie warteten. Manche Autos mit FF-Kennzeichen versuchten bereits durch die Grenzkontrolle zu kommen, wurden aber zurückgeschickt. Es geht bloß um die Preisgrenze, um verständliche und ganz einfache Bedürfnisse, hätte man meinen können.
Bald betrat Krzysztof Wojciechowski, Direktor des Collegium Polonicum, die Szenerie und streute als erster in die Reporter-Mikros, dass es hier – für ihn zumindest – um „Europa“ ginge, während er auf seine vertrauten Mitstreiter wartete, die bald hinzustießen: Julia von Blumenthal, Janine Nuyken und weitere Gesichter der zur Zeit hinter einer digitalen Maske verschwundenen Viadrina und schließlich die Rathausspitze um René Wilke und Claus Junghanns. Vom anderen Ufer näherte sich, einer Formation in Mundschutzen gleich, die Słubicer Gruppe um Bürgermeister Mariusz Olejniczak. Immer mehr Neugierige, schätzungsweise 200, kamen und warteten um kurz vor zwölf in der Mitte der Brücke auf ein Signal, den Blick zunächst zu den polnischen Grenzschützern gerichtet. Doch anders als der Moment der Schließung in der Nacht zum 14. März gehörte nicht ihnen der Moment, sondern den beiden Bürgermeistern, die beim Thema Grenzkontrollen gar nichts zu sagen haben. Im Spalier der Countdown zählenden Reporter begrüßten sie sich erst corona-konform mit den Ellenbogen, nahmen sich dann aber doch – unter Applaus – fest und herzlich in den Arm. Selten konnte man ein so gelöstes Lächeln zwischen diesen beiden doch eher unterschiedlich tickenden Bürgermeistern beobachten, hatte doch die Pandemie-Situation und die Anfangsphase der Grenzschließung Irritation, wenn nicht gar Entfremdung zwischen die beiden politischen Pole der Doppelstadt gebracht.

Appell für Abstandsregeln

„Hoffentlich werden wir nie wieder getrennt“, sagte René Wilke. „Wirklich toll, dass wir uns nun wieder face-to-face treffen konnten, nicht nur im Video-Chat. Dass wir uns auch drücken konnten“, sagte Mariusz Olejniczak, der appellierte, weiterhin die Abstandsregeln zu beachten. Während jemand über eine im Wägelchen gefahrene Musikbox die Europa-Hymne laufen ließ, formierte sich am Ufer die Schlange vorm Zigarettenladen. Zur Abspielliste an diesem Abend gehörten außerdem: die polnische Hymne, das Brandenburglied und Bon Jovis „It´s my life“ – Kleines und Großes trifft an der Grenze eben schon immer zusammen.
Der Frankfurter mit dem Silvestererlebnis ging noch zu seiner Słubicer Lieblingskneipe auf Stippvisite. Dass er der erste deutsche Gast war, ließ er sich schriftlich quittieren.