So richtig kann man sich das gar nicht vorstellen: Dort, wo vorher die Schulrucksäcke auf dem Boden standen, ist jetzt Schlamm. Der Schulleiter hat ein Video gemacht, es platscht unter seinen Füßen, als er durch die Flure seiner Schule geht. Das Parkett ist aufgerissen, aufgequollen, Tafeln sind umgestürzt, alles ist nass. Das ganze Inventar aus der unteren Etage der Schule ist unbrauchbar, landet nach und nach auf einem riesigen Haufen vor der Turnhalle. Schränke, Tische, teure Physik- und Chemiegerätschaften, Matten und Böcke aus dem Sportunterricht – alles kaputt.
Viele Helfer haben die nassen, verschlammten Tische, Schränke, Stühle aus der Schule getragen.
Viele Helfer haben die nassen, verschlammten Tische, Schränke, Stühle aus der Schule getragen.
© Foto: Are-Gymnasium
Diese Fotos und Videos haben auch das Karl-Liebknecht-Gymnasium in Frankfurt (Oder) bewegt. Noch bis Monatsende werden dort Spenden für das Are-Gymnasium in Bad Neuenahr in Rheinland-Pfalz gesammelt. Eine ehemalige Lehrerin der Frankfurter Schule hat Kontakte ins Flutgebiet. Sie hatte Margit Fischer aus dem Unesco-Team des Liebknecht-Gymnasiums in den Sommerferien ihre hautnahen, persönlichen Erfahrungen geschildert. Da das Unesco-Team ohnehin jedes Jahr entweder lokale oder internationale Spenden sammelt, zum Beispiel mit dem Sponsorenlauf, entschied sich die Schule, für das Rheinland-Pfälzische Gymnasium zu sammeln.

Über 2.000 Euro sind schon zusammengekommen

Der Frankfurter Schulleiter Torsten Kleefeld sagt, man habe sich nicht an einer bundesweiten Sammelaktion beteiligen wollen, sondern wollte möglichst nah an die Betroffenen rankommen. Das Geld – bis Dienstag (24. August) waren schon über 2.000 Euro zusammengekommen – geht an den Förderverein des Are-Gymnasiums, das sich laut dessen Schulleiter auf die Fahne geschrieben hat, Schülerinnen und Schüler in schwierigen Situationen zu unterstützen. „Dort ist das Geld genau richtig angelegt“, sagt Torsten Kleefeld. Es soll nicht für neue Smartboards ausgegeben werden – das muss der Schulträger, eventuell mithilfe des Bundeshilfsprogramm, erledigen. Sondern an Jugendliche und Familien gehen, die ihr Hab und Gut verloren haben. „Wenn wir ein paar Familien unter die Arme greifen können, und sie sich nochmal eine neue Schultasche kaufen, wäre das gut.“
Emma-Marie Stumpe aus der 11. Klasse des Karl-Liebknecht-Gymnasiums Frankfurt (Oder) und Lehrerin Margit Fischer, die das Unesco-Team leitet, mit der Spendensumme für das Are-Gymnasium in Rheinland-Pfalz.
Emma-Marie Stumpe aus der 11. Klasse des Karl-Liebknecht-Gymnasiums Frankfurt (Oder) und Lehrerin Margit Fischer, die das Unesco-Team leitet, mit der Spendensumme für das Are-Gymnasium in Rheinland-Pfalz.
© Foto: Lisa Mahlke
Die Schule, erzählt Margit Fischer, hat über tausend Schüler. „Der psychische Schaden, den viele Kinder davontragen werden, ist immens“, schrieb ihr der Schulleiter des Are-Gymnasiums in einer E-Mail. Vielen Schülern und ihren Familien gehe es sehr schlecht. „Da wollen und werden wir zuerst ansetzen, bevor wir darüber nachdenken, wie wir eventuell wieder unterrichten können.“ Gerade läuft die letzte Ferienwoche. Am Montag (30. August) beginnt das neue Schuljahr in Rheinland-Pfalz. Zuerst sollte der Unterricht in Containern weitergehen, die waren aber nicht schnell genug verfügbar. Das soll dann nach den Herbstferien passieren, bis dahin werden die Jugendlichen nachmittags, wenn die dortigen Schüler Schulschluss haben, an einer anderen Schule unterrichtet. Da bekommt Wechselunterricht wieder ein ganz andere Dimension.
Auch die Turnhalle des Are-Gymnasiums wurde von den Wassermassen getroffen.
Auch die Turnhalle des Are-Gymnasiums wurde von den Wassermassen getroffen.
© Foto: Are-Gymnasium
Obwohl sich das Bad Neuenahrer und das Frankfurter Gymnasium nicht kennen, gibt es Schnittstellen: Beide sind Euroschulen, eine ist Fairtrade-, die andere Unesco-Schule, man steht für ähnliche Werte. „Der Schulleiter hat sich ganz doll gefreut, dass wir Mitgefühl zeigen und Interesse am Schicksal haben“, sagt Margit Fischer. „Das sind doch meistens Kinder aus gesicherten Verhältnissen, denen es eigentlich gut ging.“ Mit einem Schlag sei alles anders gewesen.

Erinnerungen ans Oderhochwasser in Brandenburg 1997

Ihre Kollegin Annett Steffens, ebenfalls in der Leitung des Unesco-Teams, fühlte sich ans Oderhochwasser erinnert. Ihre Schule in Letschin war damals evakuiert, die Lehrer mussten in Neuendorf Sandsäcke füllen. „Das war nicht so dramatisch“, sagt sie, die Schule blieb trocken, doch Ziltendorf beispielsweise stand unter Wasser.
Das Karl-Liebknecht-Gymnasium ist nicht die einzige Frankfurter Schule, die hilft. Die Grundschule Mitte, Lessing- und meko-Schule sowie die Freie Waldorfschule beteiligen sich an der Aktion „Kinder helfen Kindern“. Dabei werden Flaschen gesammelt und das Pfand gespendet. Da die Container rotieren, konnten manche Schulen noch nicht richtig beginnen, „die Kinder sammeln aber schon fleißig“, heißt es von der Waldorfschule und der Grundschule Mitte. Der Impuls kam von Eltern und Kindern, heißt es von der Waldorfschule. „Der Erlös geht an zielgerichtete Projekte im Katastrophengebiet“, informiert Sebastian Obeth, Schulleiter der meko-Grundschule. Sven van Dyk, Vorsitzender der Maler- und Lackiererinnung Frankfurt Märkisch Oderland, hat die Aktion angestoßen.
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