Frau Damus, um die Pandemie einzudämmen wurden viele Bürgerrechte eingeschränkt. Bündnis 90/Die Grünen verstehen sich auch als Bürgerrechtspartei. Standen Sie und Ihre Fraktion immer vorbehaltlos hinter allen Maßnahmen?
Die Einschränkungen waren richtig. Das heißt nicht, dass ich sie toll fand, aber sie waren nötig, um Todesfälle zu verhindern. Vor jeder neuen Eindämmungsverordnung wird immer abgewogen, was zurückgenommen werden kann, da haben wir uns als Fraktion eingebracht. Wir wollten zum Beispiel von Anfang an das Demonstrationsverbot aufheben. Die Proteste in Frankfurt  für die Grenzöffnung haben gezeigt, warum Demonstrationen auch in diesen Zeiten möglich sein müssen.
Bei vielen Protesten gegen Corona-Maßnahmen treten jetzt Verschwörungstheoretiker auf den Plan. Bereitet Ihnen das Sorge?
Ich finde es auch krude, was da teilweise verbreitet wird. Aber es ist immer besser, wenn solche Meinungen zu Tage kommen und ausdiskutiert werden.
Werden Rechtspopulisten langfristig von der Krise profitieren?
Das glaube ich nicht. Bei der AfD sieht man jetzt ganz deutlich, dass sie keine Lösungen für Probleme haben und sich auch völlig widersprechen. Wilko Möller hat noch vor ein paar Wochen die komplette Ausgangssperre gefordert. Jetzt spricht er sich mit seiner Fraktion für die sofortige Aufhebung aller Eindämmungsmaßnahmen aus. Das ist unverantwortlich, ein Spiel mit Menschenleben.
Wie bewerten Sie die Arbeit der rot-schwarz-grünen Landesregierung in der Krise? Wurde zu jeder Zeit das richtige Maß gefunden?
Ich habe großen Respekt vor allen MitarbeiterInnen in den Ministerien. Für die Pandemie gab es keine Blaupause, über die Krankheit war anfangs wenig bekannt. Wenn dann Maßnahmen getroffen werden sollen, um den Tod von Menschen zu verhindern, muss Politik eher vorsichtiger agieren. Sie trifft dann auch Entscheidungen, die über das Ziel hinausschießen, so wie bei den Parkbänken. Aber das ist ja später auch korrigiert worden. Wenn etwas nicht sinnvoll ist, gibt es gesellschaftliche Debatten dazu, die Politik greift das auf. Dass unser Rechtsstaat funktioniert, zeigen auch Urteile von Gerichten gegen  Verfügungen der Landkreise, die nicht mehr angemessen waren.
In Frankfurt gab es 29 Infizierte, alle sind wieder genesen. Viele sagen: die Einschränkungen waren von Anfang an völlig übertrieben…
Das ist das berühmte Präventionsparadoxon. Wenn Maßnahmen greifen, geraten sie in die Kritik, weil dann die Frage aufkommt, ob sie hätten sein müssen. Ausgeblendet wird, welcher Schaden ohne die Einschränkungen entstanden wäre. Wir haben auch deshalb hörbaren Protest, weil es bei uns nicht so schlimm gekommen ist. Durchgestanden aber ist es noch nicht. Solange wir keinen Impfstoff haben, müssen wir Maßnahmen ergreifen. Aktuell können diese weniger streng, aber dafür zielgerichteter sein. Ich finde es richtig, den Kommunen jetzt etwas mehr Regelungsfreiheiten zu geben, wie bei den Kitas. Die Situation in Frankfurt ist ja eine andere als beispielsweise in Potsdam. Zu einem Flickenteppich an Verordnungen darf es trotzdem nicht kommen.
Eine Kehrseite ist der wirtschaftliche Einbruch. Was muss passieren, damit Frankfurt nicht in eine Schieflage gerät wie zur Solarkrise?
Die Koalition arbeitet an einem Rettungsschirm, die Absprachen dazu laufen. Die Kommunen sollen die Ausfälle durch die Corona-Krise soweit wie möglich erstattet bekommen, wenn auch vermutlich nicht zu 100 Prozent. Als Grüne setzen wir uns dafür ein, dass finanzschwache Kommunen wie Frankfurt besonders unterstützt werden. Wir sind gerade dabei, uns aus den Schulden heraus zu kämpfen. Corona wirft uns zurück. Sämtliche Vereinbarungen mit dem Land gehören daher auf den Prüfstand.
Muss Frankfurt Projekte wie das Alte Kino jetzt auf Eis legen?
Natürlich müssen auch wir all unsere Planungen noch einmal durchgehen. Auf der anderen Seite wird es Konjunkturhilfen für Stadtentwicklung geben. Das Alte Kino steht daher für mich nicht zur Disposition. In den Haushaltsverhandlungen im Landtag werde ich darum kämpfen, dass alle Frankfurter Maßnahmen erhalten bleiben.
Welche positiven Aspekte ziehen Sie für sich aus der Corona-Krise?
Die Krise hat den Finger in viele Wunden gelegt, das dünne soziale Netz bei Saisonarbeitern, die schlechte Bezahlung von Beschäftigten in Gesundheitsberufen, die Schwächen im Bildungssystem. Für mich hat sich außerdem gezeigt: Wenn wir wirklich wollen, dann können wir auch auf andere Krisen reagieren – zum Beispiel auf die Klimakrise.