Diecks Urgroßeltern haben das Haus erbaut. Früher gab es mal fünf Pflaumenbäume und reiche Ernte. Dann stellte die 72-Jährige immer Tüten voller runder, großer Bauernpflaumen vors Haus. Sie machte Pflaumenmus, frostete die Zwetschgen ein – aber es waren immer noch zu viele. "Ich dachte mir: Sollen die Leute etwas davon haben." Ein Schild erklärte Vorbeilaufenden, dass sie das Geld in den Briefkasten werfen sollen. So ist es auch heute noch. Da es aber mittlerweile nur noch zwei Pflaumenbäume gibt, auch die anderen Obstbäume immer weniger werden, bietet Heidrun Dieck nun vor allem Ableger an.
Auf dem laminierten Schild steht: "Pflanzen für Haus und Garten. Geld und Preisschilder bitte in den Briefkasten Dieck. Danke". Ihre Jungpflanzen hat Heidrun Dieck neben diesem Schild auf der Mauer angeordnet. Besonders gut gehen Pflanzen, deren Ableger sie mal aus Gran Canaria oder Marokko mitgebracht und selbst gezogen hat. Auch Kräuter stellt sie manchmal raus, erzählt sie, Salbei, Bohnenkraut oder Thymian.
"Ich verkaufe keine Orangen", sagt sie lachend und erklärt, dass ein Verkauf ab Hof lediglich erlaubt ist, wenn es sich um eigene Produkte oder Pflanzen handelt. "Sonst bekomme ich Ärger." Dieck hat früher selbst beim Gewerbeamt gearbeitet, sagt, das Geld sei ein kleiner Dank für ihre Mühe. "Ich mache damit keine Gewinne." Bevor sie 2008, als Neu-Rentnerin, damit anfing, hatte sie sich überlegt, ob sie das überhaupt darf. "Aber ich stehe ja nicht vor einer Kaufhalle – dann bräuchte ich eine Standgenehmigung." Dass sie überhaupt etwas dafür nimmt, erklärt sie so: Erde, Töpfe, Wasser – all das koste Geld, wenn sie die Ableger nicht wegwirft.
Solche Kassen des Vertrauens mit Produkten aus dem eigenen Garten kennt auch Heidrun Dieck eher vom Dorf. Sie und ihr Mann wohnen zwar im letzten Haus der Stadt, wenn man Richtung Güldendorf fährt. "Aber hier kommen so viele Autos und Leute vorbei, die nach Güldendorf wollen, in ihren Garten oder zum Helenesee", berichtet Dieck, die in dem Haus aufgewachsen ist und dort wieder seit 1983 lebt.
Die Menschen, die sich bei ihr bedienen, sind altersmäßig sehr gemischt. Manchmal überredeten Kinder ihre Mütter zu einer neuen Balkonpflanze. Im Winter stellt die 72-Jährige auch mal gebündelte Tannenzweige vors Haus. "Man kommt auch ins Gespräch oder die Leute klingeln, um etwas zu fragen", erzählt sie. Schlechte Erfahrungen macht sie selten. Einmal nahm es Überhand, dass Dinge mitgenommen wurden, ohne zu bezahlen. Manchmal werden auch die Preisschilder, die sie extra laminiert, mitgenommen, statt sie in den Briefkasten zu werfen. Dort landen im Übrigen auch ab und an Złotyscheine.

Klingel war ein Hindernis

Seit Mai probiert auch Sebastian Freese in Lichtenberg eine Kasse des Vertrauens aus. Der Imker merkte immer wieder, dass sich Interessierte nicht trauten, bei ihm zu klingeln, vor allem sonntags. Jetzt stehen immer ein paar Gläser auf dem Feld neben dem Haus. An der "Kasse", ein Schlitz in der Holzkonstruktion, will der 34-Jährige noch arbeiten. Da Honig temperatur- und lichtempfindlich ist, konnte er bei der Hitze nicht allzu viele Gläser raus stellen. Ein Urlauber klingelte dann doch bei ihm, weil er noch mehr wollte – um etwas aus der Region mit nach Hause zu nehmen. Ansonsten kämen auch Frankfurter. So richtig bekommt Freese das natürlich nicht mit, wenn er es nicht zufällig sieht. Anfangs hatte er noch einen QR-Code zum Scannen angebracht, durch den man über Paypal auch online bezahlen konnte. Dabei kann zurückverfolgt werden, woher der Käufer kommt. Nur zwei Frankfurter hätten diese Möglichkeit genutzt – Freese will den Code aber wasserfest wieder anbringen. Als "der moderne Imker", wie er sagt, versucht er sich auch an einem Youtube-Kanal.
Diebstahl komme selten vor. "Ein, zwei Gläser waren mal weg oder 1 Euro hat gefehlt", berichtet er. 2015 zog die Familie nach Lichtenberg, Freese fing mit nur 30 Bienenvölkern an, baute das jedes Jahr aus und hat nun etwa 200 bis 220. Wie der Verkauf über eine Kasse des Vertrauens im Winter läuft, weiß er noch nicht. "Ich habe noch keine Erfahrungen damit. Aber: Ausprobieren!"