Eigentlich liest Jeremy Grießmann gar nicht. Aber genau solche Schüler ans Lesen heranzubringen, sei Ziel des Projektes „Klasse Bücher“, wie Carmen Winter verrät. Sie und Frank Sommer sind in diesem Jahr zum elften Mal in siebte Klassen gegangen, um in diesen jeweils 25 Jugendbücher zu verteilen. Die Schüler hatten sechs Wochen Zeit, fünf verschiedene Bücher zu lesen und zu rezensieren.
In der 7b der Sportschule kamen zwei in die engere Auswahl. Im Roman „American Hero“ geht es um einen jungen Soldaten, der als Held gefeiert wird, den die Bilder des Krieges aber nicht mehr loslassen. Auch Jeremy fieberte mit, als er das Buch las. In die Geschichte konnte er sich besser hineinversetzen als in die Biografie „Hallo, mein Name ist Luca“ eines Youtubers, die die Klasse ebenfalls las. „Das hatte mir zu viele Bilder“, erklärt er.
Trotzdem wählte die 7b am Freitag letzteres Buch aus, um es beim Abschluss des „Klasse Bücher“-Projektes in einem Hörsaal der Viadrina vorzustellen. Denn es schien die Klasse zu polarisieren: Über dieses Buch diskutierte sie am meisten. Viele ihrer Mitschüler hätten sich direkt darauf gestürzt, ein Junge habe sogar geweint, als er es nicht sofort bekam, erzählen Jeremy und Laura Viol.
Das war im März, als Carmen Winter die Bücher in den Schulen verteilte. „Es schaffen nicht immer alle, in der Zeit die fünf Bücher auszulesen“, erzählt sie. Aber es sei in dem Projekt auch in Ordnung, 50 Seiten zu lesen und das Buch wieder wegzulegen. „Aber die Gruppendynamik packt dann doch viele.“ Da es kein Schulprojekt sei und sie und Frank Sommer den Schülern kaum etwas vorgeben, sei der Druck geringer. „Das sind nicht wir oder die Lehrer, sondern die Schüler, die das machen“, sagt die Autorin.
Die Schüler sind selbst dafür verantwortlich, die Bücher untereinander zu tauschen. Die ausgewählten Siegertitel sind in diesem Jahr sehr gemischt. Es geht um Schulrivalitäten, den Zweiten Weltkrieg, vituelle Realität, eine Bombe. „Bei der Probe haben sie noch sehr gegackert“, verrät Carmen Winter über die Schüler des Liebknecht-Gymnasiums, die ein Buch über Liebe und den ersten Sex vorstellten. Auf der Bühne zeigen sich die Schüler dann aber sehr souverän. „Ich staune auch immer mehr, was für Urteilskraft die Schüler haben“, sagt sie. In wenigen Sätzen würden sie ganz klar formulieren, warum ihnen ein Buch gefällt – oder nicht. „Sie bringen nicht nur das ein, was sie im Unterricht gelernt haben, sondern auch ganz viel Alltagserfahrung“, sagt die Initiatorin.
Zum ersten Mal hat dieses Mal das Rouanet-Gymnasium aus Beeskow am Projekt teilgenommen. „Ich hoffe, dass nächstes Jahr auch die Kleistschule mit dabei ist“, erzählt Carmen Winter. Bei sechs Klassen wird es aber bleiben, sonst werde die Abschlussveranstaltung zu lang. Außerdem beliefen sich die Kosten für die 150 Bücher in diesem Jahr bereits bei 1700 Euro – 400 Euro mehr als im vergangenen Jahr – und aktuell fehlen noch immer 260 Euro. Die Anschaffungskosten werden komplett durch private Spenden gedeckt. Der Träger des Projektes, der Verein Kunstgriff, wird außerdem durch das Kulturdezernat und die Hutten-Buchhandlung unterstützt. Carmen Winter hofft darauf, dass auch die Bibliothek künftig wieder mitmacht. Die Bücher liegen nach Projektende in Jugendclubs, im Mikado und vielleicht in Zukunft auch wieder in der Bibliothek aus.
Gespendet werden kann unter www.betterplace.org/de/projects/12696-klasse-bucher