Der Mann mit dem Einkaufswagen ringt mit den Tränen. Den Infostand am Montagmorgen im Spitzkrug Multi Center (SMC) beobachtete er lange mit kritischem Abstand. Erst als alles vorbei zu sein scheint, traut sich Gottfried Beutel näher ran. Seine Frau wollte ihn eigentlich davon abhalten, seine Geschichte zu erzählen. Dann tut er es doch. 45 Jahre hat der Rentner mit seiner Christa im Plattenbau in der Seelower Kehre gelebt. Jetzt müssen sie raus. "Wir haben gedacht, wir können dort alt werden", sagt der Mann vor Kaufland. Der Abrissstopp von OB René Wilke konnte das alte Ehepaar nicht retten. Die Beutels leben in einem der letzten Blöcke, die noch dran glauben müssen.
Wo der Schuh im Wahlkreis 3 im Norden der Stadt drückt und was die Menschen vor der Wahl bewegt, das brachte der Stadtbote im Gespräch mit Bürgern und Spitzenkandidaten in Erfahrung.  Das Spitzkrug Multi Center liegt mitten im Wahlkreis und ist ein fester Anlaufpunkt für die Bürger aus der Umgebung.
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Reges Interesse am MOZ-Stand
Die Herausforderungen im Stadtgebiet Nord sind vielseitig, die Geschichte der Beutels ist mit Abstand die emotionalste an diesem Morgen. Die Bürger berichten von praktischen Problemen aus ihrem Alltag: Kaputte Bürgersteige, zu wenige Schulen, unsanierte Wohnungen, Fischesterben im Kliestower See und mangelnder Breitbandausbau werden am Montagvormittag am MOZ-Stand im Einkaufszentrum beklagt.
Was wünschen sich Frankfurter von Politikern für die Zeit nach der Wahl am 26. Mai? "Dass sie die Bürger verstehen. Und nicht nur das tun, was karriereförderlich ist", fordert Eberhard Staar. An den Radwegen müsse noch einiges getan werden.  "Das miserable Abschneiden beim ADFC-Test hat ja gezeigt, dass da nicht viel getan wird", findet der 67-Jährige. Er meint den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club. Generell müsse mehr für die Infrastruktur in Frankfurt gemacht werden. "Die Straßen sind relativ in Ordnung. Aber die Gehwege sind meistens nicht mehr schön", kritisiert der Senior. Insbesondere in der Winterzeit möchte er als Fußgänger dann lieber auf der Straße spazieren.
Danny Knispel lebt seit fünf Jahren in Hansa Nord und das gern. Arbeit und Zentrum sind nah, sagt der Polizist und zweifache Vater. Die große Tochter ist aus dem Haus, der kleine Sohn geht in die Matroschka-Kita in der Warschauer Straße. Und: Es gibt wieder junge Leute, die bleiben. Ein bisschen Belebung wünscht er sich trotzdem. Das Nahversorgungszentrum auf dem Hansaplatz stehe leer, ein Bäcker oder ein Café würden dem Quartier gut tun, findet er.
Eine Rentnerin aus Booßen kritisiert, dass in einer freien Demokratie AfD-Parteiplakate heruntergerissen werden. Ein weiterer Punkt: Für das Gesundheitswesen müsste noch einiges getan werden und "für uns alte Menschen", meint die 75-Jährige. Sie selbst habe früher als Gemeindeschwester gearbeitet. Deshalb fordert sie, dass die Nachbarschaftshilfe ausgebaut werden müsse. Heute gingen doch alle nur mit ihren Ellenbogen durchs Leben. "In Kliestow geht’s mir hauptsächlich um den See", erklärt Gudrun Heinrich. Dass dieser gesund gehalten und vor dem Umkippen bewahrt werde. Noch bis Ende Mai ist sie Ortsvorsteherin von Kliestow. Dann hört sie auf. Mit den Straßen und Wegen ist Gudrun Heinrich in Kliestow zufrieden. Aber es fehle an Treffpunkten für die Jugend, sagt sie.
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Wohnlich – trotz Müllecken
Die Booßenerin Brigitte Vetter stört im Frankfurter Norden, dass dort viele Bürger ihren Müll einfach an die Straße schmeißen. Sie kritisiert den maroden Zustand der Bürgersteige, ältere Menschen würden leicht hinfallen, meint die 81-Jährige.
Ein offenes Ohr für die Anliegen der Bürger, das wünscht sie sich von den Politikern. Die meldeten sich zu Wort. Vertreter mehrerer Parteien und Listenvereinigungen bewiesen am Montag, dass sie die Sorgen der Frankfurter ernst nehmen, und schauten ebenso vorbei. "Wir können die Wünsche natürlich nicht alleine erfüllen", sagt Jan Augustyniak (Linke). Es brauche Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung, um Gehwege zu sanieren.
Zurück vor Kaufland. Christa Beutel hat einiges erlebt, Wirtschaftskollaps, Stadtumbau, Oderhochwasser. "Ich bin in Frankfurt geboren, habe Frankfurt wieder mit aufgebaut, und jetzt wird Frankfurt plattgemacht", gibt die Rentnerin zu bedenken. Die Wut hat sie überwunden, sie wirkt eher ernüchtert, nimmt ihren Mann am Arm und schiebt den Einkaufswagen weiter.

Wahlkreis 3: der Frankfurter Norden

Der Wahlkreis 3 umfasst unter anderem die Stadt- und Ortsteile Kliestow, Booßen, Gronenfelde, Klingetal, Lebuser Vorstadt, das Hansaviertel, die Goepelstraße sowie ein kleines Stück der nördlichen Innenstadt. Zum Stichtag im August 2018 lebten in dem nördlichen Frankfurter Wahlkreis 18967 Menschen. Wichtige Einrichtungen sind unter anderem der Olympiastützpunkt mit dem Sportkomplex, die Gronenfelder Werkstätten, das Spitzkrug Multi Center, die Marina Winterhafen oder das Stadthaus, das mehrere Bereiche der Stadtverwaltung beherbergt. Insgesamt stehen in Nord 62 Kandidaten von allen zehn Parteien und Listen zur Wahl. thg