So wird aus der 23. Festivaledition, die, so Murawski, ursprünglich "Klartext" heißen und auf die ungewisse Zukunft des Festivals und des Kulturmanagements an der Viadrina anspielen sollte, ein dreitägiger Stream teils live stattfindender, teils aufgezeichneter Veranstaltungen ohne Publikum unter dem Motto "Kontaktlos – Łaczymy sie" (Verbinden wir uns). Gesendet wird (auf Facebook, Youtube und die Unithea-Website) nicht beliebig aus dem globalen Dorf, sondern lokal – aus und in die Doppelstadt. Unter anderem in die WG-Bar in der Großen Scharrnstraße, wo es dann doch einen Ort realer Begegnung geben wird – zum Public Viewing.
Auf dem Bildschirm auftauchen werden lokale Kunstschaffende: die Liedermacherinnen Claudia Woloszyn und Heike Mildner, Thomas Strauch und seine Jazz-Combo Jacofon, der Słubicer Sänger Paweł Więcek, die Frankfurter Band "Errors of the Superhumans", das deutsch-polnische Duo "Lunya" und der Słubicer Star-Rapper "Abel", dessen Auftritt voriges Jahr beim Uni-Sommerfest vom Gewitter verhindert wurde. Auch an Online-Formaten mangelt es nicht: ein Poetry Slam, eine Schreibwerkstatt, eine Koch-Show, ein Drag-Workshop, Talkrunden, ein Tanzkurs – an fast allem kann man virtuell teilnehmen. Ein inhaltlicher Faden ist Corona. "Zeig uns deinen Freiraum im Lockdown" heißt ein Projekt, bei dem Zuschauer Videos einschicken können, aus denen ein ganzes geschnitten werden soll. Ganz analog zu beobachten sein wird die Frankfurt-Słubicer Street Art-Szene um P. Banause, C. Kadetzki und "Art Garage" wie sie Teile der Stadtbrücke bemalt.
Fast etwas zufällig findet man in dem Potpourri an Kunstformen auch noch ein Theaterstück, das Puppentheaterstück "Weißt du eigentlich wie lieb ich dich habe" vom Theater des Lachens.
Das Theatrale – eigentlich der Kern des Festivals – ist wohl das eigentliche Gegenteil von digital, es ist fürs Live-Erlebnis gemacht. Da sinnvolle Theaterproduktionen weder kurzfristig noch mit Abstandsregeln umzusetzen sind, steckt in diesem Jahr in Unithea weniger Theater denn je. Corona hat dabei eine längerfristige Entwicklung auf die Spitze getrieben. "Ja, wir sind in den letzten Jahren weg von den klassischen Bühnen gegangen, hinaus zu Open Air-Veranstaltungen, einfach, weil es gut ankam", erklärt Philip Murawski. Einer, der diese Entwicklung bedauert, ist Florian Vogel vom Kleist Forum, wo das Festival seit langem eine Heimat hat. "Wo ist das -thea, das für Theater steht?", fragt er. Ja, Thea-ter ziehe ein kleineres Publikum als etwa Musik, aber es könne auch mehr und tiefer erzählen. Von den studentischen Kuratoren wünscht sich Vogel wieder mehr Mut fürs Unpopuläre.