Es ist der Abend des 10. Mai 2017. Wie jeden Mittwoch trifft sich Eberhard Theis in der Sporthalle in der Gubener Straße mit der allgemeinen Sportgruppe von Blau-Weiß Frankfurt zum Prellball. „Ich habe mich gut gefühlt, hatte keine Schmerzen, nichts. Eigentlich war alles wie immer“, erzählt der Frankfurter. Mit ihm steht Peter Biering auf dem Feld. Beide verbindet eine lange Freundschaft. Nach dem ersten Satz wechseln beide die Seiten, nehmen wie gewohnt Aufstellung.  „Ich hab ihn gefragt, ob es losgehen kann, und spiele den Ball“, erinnert Biering sich. „Und dann brach er plötzlich zusammen, das kam völlig unvermittelt.“
Als Sportlehrer im Ruhestand und langjähriger Leiter von Reha- und Herzsportgruppen weiß Peter Biering sofort, was los ist. Er rennt zu seinem Freund, dreht ihn auf den Rücken, fühlt den Puls – nichts. Der 75-Jährige beginnt mit der Herzdruckmassage. Vielleicht 100 Stöße pro Minute auf den Brustkorb. Währenddessen ruft ein Mitspieler den Notarzt. „Ich war voller Todesangst, dass mein Freund stirbt. Da entwickelt man Kräfte, die eigentlich nicht erklärbar sind“, sagt er. Nach mehreren Minuten übergibt er erschöpft an einen anderen Mannschaftskollegen, ehe der Notarzt und die Rettungskräfte eintreffen. Mithilfe eines Defibrillators bringen sie das Herz von Eberhard Theis wieder selbstständig zum Schlagen. Er kommt ins Klinikum. Wird ins künstliche Koma versetzt. Als er wieder aufwacht, kann er sich an nichts mehr erinnern. „Die Stunden fehlen mir“, sagt er. Nach dem plötzlichen Herzstillstand bekommt er zwei Bypässe. Der Wasserwirtschaftler im Ruhestand kann sein Leben weiterleben und die Tage mit seiner Familie genießen. Längst steht er auch wieder in der Sporthalle in der Gubener Straße wieder auf dem Parkett.
„So viel Glück haben leider viel zu wenige“, meint Philipp Humbsch. Der Medizinstudent aus Frankfurt hat den Verein Pépinière mitgegründet. Mit Kommilitonen setzt er sich für mehr Zivilcourage ein und will Erste-Hilfe-Kenntnisse bekannter machen, vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Tausenden Grundschülern haben sie schon ehrenamtlich gezeigt, was sie tun können, wenn andere Menschen Hilfe brauchen. Das Motto des mit vielen Preisen ausgezeichneten Vereins: Jeder kann ein Held sein. So wie Peter Biering und seine Teamkollegen. Positive Beispiele wie diese will der Verein bekannter machen. Damit Erste Hilfe irgendwann zur Selbstverständlichkeit wird.
„Hier haben Menschen mit wenigen Vorkenntnissen ein Leben gerettet. Es passiert leider viel zu oft, dass die Leute gar nichts machen und einfach weitergehen“, berichtet auch Robert Gintrowicz, der gerade sein Praktisches Jahr am Unfallkrankenhaus Berlin absolviert. Dabei zähle im Notfall jede Sekunde. „Doch wenn nichts unternommen wird, kann auch der beste Mediziner nicht mehr helfen.“
Kaum einer weiß das inzwischen besser, als Eberhard Theis. Beim Brückenfest am 1. Mai lernte er die engagierten Medizinstudenten kennen. Und beschloss, für die Vereinsarbeit zu spenden. „Ich weiß, dass ich hätte sterben können. Heute lebe ich bewusster, genieße das Leben einfach“, erzählt er. Sein Freund und Sportkollege Peter hat die dramatischen Bilder noch immer klar vor Augen. „Hätten wir nichts getan, würden wir heute nicht mit Eberhard hier sitzen. Es kann so schnell vorbei sein.“ Doch das muss es nicht. Wenn man schnell handelt. Sein Appell: „Im Notfall den Notruf 112 absetzen oder Hilfe organisieren – das kann und muss jeder.“