Natalia Zwirek ist glücklich. Mit 780 Teilnehmenden – so die offizielle Zahl der Polizei – hätte sie nicht gerechnet. Schon zu Beginn des ersten Pride durch Frankfurt (Oder) und Słubice auf dem Plac Bohaterów haben sich so viele Menschen versammelt, dass sie in zwei Gruppen geteilt werden müssen. Einem Wagen mit Musik folgend geht es in Richtung Stadtbrücke. Der Regenbogen ist allgegenwärtig: als Flagge, um den Körper geschlungen, auf Socken, Beutel, T-Shirts oder Haarreifen. „Bunte Jugendliche mit Flaggen auf dem Rücken“, erzählt ein Mann mittleren Alters seiner Gesprächspartnerin am Telefon ganz entzückt.
Erster Pride in Frankfurt (Oder) und Słubice mit 780 Teilnehmenden

LGBTIQ*-Demo Erster Pride in Frankfurt (Oder) und Słubice mit 780 Teilnehmenden

Die Teilnehmenden am Pride (Englisch für Stolz) könnten vielfältiger nicht sein: Sie gehen auf High Heels oder am Gehstock, tragen Turnschuhe oder sitzen im Rollstuhl. Einige haben ihre Kinder mitgebracht, Gregor aus Berlin seinen Hund Gustav. In Schöneberg, wo er und die siebeneinhalb Monate alte Französische Bulldogge leben, seien viele Hunde und viele Menschen – so eine Demo mache dem Tier also nichts aus. Der in Gorzów geborene junge Mann hat erst in dieser Woche durch eine Kollegin vom Frankfurt Słubice Pride erfahren. „Es ist ganz schlimm, was in Polen gerade passiert“, erklärt er seine Motivation, teilzunehmen. „Da ist es umso wichtiger, Präsenz zu zeigen.“

Gegendemonstranten beten ein Mariengebet

Die LGBTIQ*-Community wird in Polen durch die PiS-Regierung und sogenannte „LGBT-freie Zonen“ diskriminiert. Auch durch Słubice fährt am Samstag wieder das Auto mit dem Billboard, auf dem homosexuelle Personen als Pädophile diskreditiert werden. Eine Gegendemo ist durch den PiS-Kreistagsabgeordneten Jan Hanbicki angemeldet worden. 30 bis 40 Gegendemonstranten stehen am Kreisverkehr an der Brücke. „Lasst unsere Kinder in Ruhe“ steht auf einem großen gelben Banner, „Polen für die Zivilisation des Lebens“ und „Stoppt Sexualunterricht und Verdorbenheit der Kinder“ auf ihren Schildern. Die meisten von ihnen tragen keinen Mundschutz, sie beten ein Mariengebet.

Politische Botschaft der Teilnehmer

„Ich bin ausgesprochen katholisch“, sagt Gregor. „Und deshalb weiß ich, dass Vielfalt und Offenheit Teil der Konfession sind.“ Maria sei auf ihrer Seite, übersetzt er die Worte der Gegendemonstranten. Sie sei die Königin Polens. „Das wird als Waffe benutzt und das wissen sie auch“, sagt der 34-Jährige über die Menschen hinter den Reihen der Polizisten.
Ihm gefällt, dass der Pride auf das Politische konzentriert ist. Das komme mehr zum Tragen als auf den „Party CSDs“ in Berlin, Frankfurt/Main oder Köln. Auf Słubicer Seite, findet er, blicken manche Leute am Straßenrand doch sehr feindselig. „Vielleicht ist das eine ganz wichtige Lektion – dass es doch eine politische Dimension gibt.“ Etwas von den großen Christopher Street Day-Paraden hat aber auch er mitgebracht: sein Outfit. Weißes Hemd, graue Krawatte, dunkelgrüne Anzughose und Füße in Glitzersocken und High Heels – subtil und doch auffällig. So, dass eine Frau, die vom Fußweg aus zusieht, sich bei seinem Anblick bekreuzigt. „Das ist verletzend, als ob sie die bessere Christin sei – aber das ist sie nicht“, sagt er.

Orgateam fordert: Stellung gegen Diskriminierung beziehen

Queere Menschen gibt es nicht nur in den hippen Gegenden Berlins oder Warschaus, betont das fast 20-köpfige Organisationsteam des Pride. „Wir wollen Sichtbarkeit!“, sagen sie bei einer der Kundgebungen auf der Stadtbrücke. Queerfeindlichkeit sei kein polnisches Problem und es könne nicht angehen, dass Lesben und Schwule, Bi-, Trans-, Intersexuelle oder andere queere Menschen nirgendwo in der Doppelstadt einen Ort haben, an den sie gehen können. „Frankfurt und Słubice sollen sicher für alle Menschen sein und Stellung gegen Diskriminierung und Queerfeindlichkeit beziehen“, sagt Mewa Topolska aus dem Orgateam. Die Doppelstadt solle sich gegen „LGBT-freie Zonen“ positionieren. Eine weitere Forderung ist, in den Frankfurt-Słubicer Handlungsplan auch die Vielfalt von Lebensweisen, Geschlechts- und sexuellen Identitäten aufzunehmen.
Eine Mappe mit Forderungen übergibt das Organisationsteam Oberbürgermeister René Wilke. Der Słubicer Bürgermeister ist nicht gekommen, auch nicht seine Stellvertreterin oder der Vorsitzende des Stadtrates, obwohl sie persönlich einladen wurden. Ein bisschen enttäuschend sei das schon, sagt Natalia Zwirek. Słubices Vize-Landrat Robert Włodek ist jedoch dabei, sagt, er habe noch nie eine so große und schöne Demonstration in der Gemeinde erlebt.

„Wunderbar“ finden Zuschauer am Straßenrand

Zwirek, die die Veranstaltung auf polnischer Seite angemeldet hat, empfindet die Zusammenarbeit mit der polnischen Polizei als sehr gut. Diese sei freundlich und hilfsbereit auf sie zugekommen. Sie hat aber auch gemerkt, dass die Beamten nervös sind. Das ist zum Beispiel kurz vor der Brücke spürbar, als Demonstranten und Gegendemonstranten nur wenige Meter voneinander entfernt sind. Schwester Dominique, eine queere Nonne aus Potsdam, beginnt vor den betenden Menschen zu tanzen. „Man kann Hass nur mit Liebe begegnen, sagt sie. „Das Leben ist so bunt, vielseitig, so schön.“
Das finden auch viele Słubicer und Frankfurter, die auf ihren Balkonen und am Straßenrand stehen, winken und lächeln. „Das ist wunderbar“, findet die Frankfurterin Anja Wollburg. Sie steht mit Mann und Tochter am Rand, macht Fotos. „Wir haben einen Transgender im Freundeskreis und stehen voll zu der Sache.“ Auch Christa Schulz, 62 Jahre alt, und ihre Mutter Helga Schulz, 81, finden, jeder sollte leben, wie er möchte. „Was ist denn verkehrt daran?“, fragen sie, als sie in der Magistrale sitzen und den bunten Demonstrationszug an sich vorbeiziehen lassen.