Es sei nur schwer möglich, Bewohnern und Besuchern der Stadt Frankfurt (Oder) den „Gläsernen Schatz“ in der Marienkirche auf kurze und eindrückliche Art nahe zu bringen – diese oft wiederholte Kritik dürfte ab sofort der Vergangenheit angehören. Seit Mittwoch (29.6.) gibt es eine multimediale Videoschau zu den drei knapp zwölf Meter hohen mittelalterlichen Chorfenstern mit ihren 117 bunten Glasscheiben. In nur 15 Minuten werden die wichtigsten Scheiben aus dem Schöpfungs-, dem Christus- und dem europaweit einmaligen Antichristfenster vorgestellt.
Die Bibelzitate dazu spricht der in Frankfurt (Oder) geborene Schauspieler und Synchronsprecher Christian Melchert. Seine Familie gehörte vor 20 Jahren zu den Spendern, die die Restaurierung der aus Russland zurückgekehrten Kirchenfenster erst möglich machten.

Ein außergewöhnliches Ereignis in der Stadtgeschichte

Frankfurts Oberbürgermeister René Wilke freute sich zu Beginn des von Musikern des Catori Streichquartetts aus dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt (Oder) umrahmten Festaktes zum Jubiläum der Rückkehr der „Bilderbibel“ über die zahlreich erschienenen Gäste. Unter ihnen waren fast 100 an der Rückführung der Chorfenster und ihrer Rekonstruktion einst beteiligten Menschen.
Beim Rückblick auf das Eintreffen des Spezialtransportes aus Russland mit den 22 Kisten voller wertvoller mittelalterlicher Fensterscheiben am 29. Juni 2002 nach Frankfurt (Oder) sprach René Wilke von einem „außergewöhnlichen Ereignis in unserer Stadtgeschichte“. Und davon, dass das Ringen um die Rückführung der Beutekunst in der Stadtgesellschaft ein „Wir“ erzeugt und Identität gestiftet habe. Die Rückführung der Chorfenster der Sankt Marienkirche habe für ihn somit einen „Symbolcharakter, der uns zeigt, wie sehr wir im Miteinander Veränderung und Entwicklung in unserer unmittelbaren Lebenswelt“ erreichen können, sagte der OB – auch mit Blick auf Frankfurts Bewerbung als Standort für das Zukunftszentrum.
Sowohl in Wilkes als auch in den Rückblicken an der Rückführung einst maßgeblich beteiligter Frankfurter fielen in der von Stefanie Fiedler moderierten Festveranstanstaltung viele Namen, wurde manches bislang kaum Bekannte publik.

Drei hochbetagte Frankfurter gaben eidesstattliche Erklärungen ab

So erinnerte der damalige geschäftsführende Pfarrer Helmuth Labitzke daran, dass die Evangelischen Kirchengemeinde Frankfurt (Oder) nicht nur einen Eigentumsnachweis für die Fenster erbringen musste. Drei hochbetagte Frankfurter hätten der russischen Regierung auch eidesstattlich erklärt, dass die St. Marien niemals für Nazi-Propaganda genutzt worden sei.
Ex-Bürgermeister Wolfgang Pohl zitierte aus dem Brief der Gertraud-Marien-Kirchengemeinde aus dem Jahre 1996 an den russischen Kulturminister. In ihm hieß es, dass die Wiedereinbringung der Chorfenster in die Marienkirche „einen hohen Symbolwert für die Versöhnung, den Frieden und die gutnachbarlichen Beziehungen zwischen der östlichsten Grenzstadt der Bundesrepubik und der Russischen Förderation“ hätten. Pohl betonte die aktuelle Bedeutung dieser Aussage.

Die „grobe deutsche Arbeit“ ist ein europaweit einmaliger Schatz

Auch Oberbürgermeister Wilke sprach von der Rückführung der Fenster als einen damals „verbindenden, versöhnenden Akt“ zwischen beiden Ländern. Er zitierte aus dem russischen Übernahmeprotokoll des St. Petersburger Eremitage-Museums nach dem Kriegsende, in dem es hieß, es handele sich um eine spätmittelalterliche „grobe deutsche Arbeit, vermutlich aus einer Kirche“.
Dabei ist speziell die Antichrist-Legende auf einem der drei Chorfenster eine „in Europa einmalige kulturhistorische Besonderheit“, wie Frank Schürer-Behrmann, der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Oderland-Spree betonte. Er forderte die Frankfurter auf, „lasst uns gemeinsam die Zukunft der Fenster sichern und weiter daran zusammen wachsen“. Ein Zeichen dafür ist die Gründung des Kuratorium „Bürgerkirche“. Denn als solche verstehen die Frankfurter ihre Sankt Marienkirche.