Wenn Moritz Texte vorliest, hört es sich an, als sei es für ihn das Selbstverständlichste auf der Welt. Als hätte er nie etwas anderes gemacht. Moritz ist acht Jahre alt. "Noch vor neun Monaten hatte er große Probleme, Laute deutlich auszusprechen. Heute liest er wie ein Zwölfjähriger", sagt seine Klassenlehrerin Liane Robenack voller Stolz.
Zusammen mit 23 anderen Schülern aus den Klassen 1s und 4s der Astrid-Lindgren-Grundschule nimmt Moritz am Horchtraining nach Tomatis teil. Viermal 45 Minuten pro Woche ist es ganz ruhig im Klassenraum. Dann sitzen die Kinder an ihren Schreibtischen, haben Kopfhörer auf und summen leise mit. Ein bisschen sieht es aus wie in einem DJ-Seminar für Minis, bloß, dass statt der Plattenteller Mal- und Bastelutensilien auf den Tischen liegen, die von den Schülern eifrig beansprucht werden, und Mozart sowie gregorianische Klänge aus den Kopfhörern strömen statt schriller Gitarrensounds oder dumpfer Bässe. Das Projekt soll den Kindern, die Sprachstörungen oder Mathematikschwächen haben, helfen, ihre Kompetenzen zu verbessern. Die Musik ist der Schlüssel zum Erfolg. Sie trainiert die Mittelohrmuskeln und verbessert die Feinabstimmung beim Hören. Der Effekt: Das Zusammenspiel beider Gehirnhälften wird verstärkt, wodurch unter anderem die Verarbeitung einzelner Sprachreize beschleunigt wird.
Ein Profi dieses Trainings ist Jozef Vervoort. Er leitet das belgische Atlantis-Institut, das Spezialist ist auf dem Gebiet von Horchtests. Nach Frankfurt geholt hat das Projekt Petra Gebauer, mittlerweile selbst ausgebildete Audio-Psycho-Phonologin und Gründerin des Vereins Klangfalter. Der hat in den letzten Monaten allein 1000 Euro für die Horchtest-Technik in der Astrid-Lindgren-Grundschule gesammelt, die insgesamt 10 000 Euro kostet. 2000 Euro gab es zusätzlich von der Sparda-Bank.
"Das Schöne an diesem Projekt ist, dass die Kinder daran in einer Gruppe teilnehmen und sich so niemand als Außenseiter fühlen muss, nur weil er eine Schwäche hat", sagt Petra Gebauer. Und die Erfolgsquote kann sich sehen lassen. 80 bis 85 Prozent der auffälligen Schüler, aber auch Erwachsenen mit Konzentrations-, Wahrnehmungs- und Motorikstörungen könne mithilfe der Tests geholfen werden, erklärt Jozef Vervoort, der sich in der Schule vor Ort ein Bild von der Umsetzung des Tests machte.
Der läuft in der Astrid-Lindgren-Grundschule seit Beginn des Schuljahres 2011/2012 und wird von speziellen Horchtests am Anfang, in der Mitte und am Ende des Schuljahres begleitet. "Die Ergebnisse der Tests werden gerade ausgewertet. Dann wird ein Fazit gezogen, wie weit sich die Kinder entwickelt haben", erklärt Lehrerin Robenack, die schon mit vielen Eltern gesprochen hat, die erstaunt waren über die Entwicklung ihrer Kinder. Verglichen werden die Ergebnisse mit denen zweier anderer Klassen, die nicht an dem Projekt teilnehmen, um die Effektivität der Methode einschätzen zu können.
Für die Ergebnisse interessieren sich aber nicht nur die Lehrer und Eltern, sondern auch die Universität. "Es ist wichtig, dass das Thema erforscht wird", sagt Edeltraut Rößner, akademische Mitarbeiterin am Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Viadrina, das das Projekt von Anfang an begleitet. "Wir brauchen auch Forschungsergebnisse aus Deutschland, um die richtigen Schlüsse zu ziehen", sagt Rößner.
Jozef Vervoort bietet am Sonnabend bei Klangfalter, Müllroser Chaussee 76, Horchtests für Familien an. Anmeldungen unter Telefon 0173 8712839.