Energiewende passiert normalerweise irgendwo. Windkraft wird auf einem Feld gewonnen oder in einem Offshore-Windpark, Photovoltaikanlagen sieht man im Vorbeifahren, vielleicht auf einzelnen Dächern in der Eigenheimsiedlung. Stadtwerke und Wohnungswirtschaft (Wowi) Frankfurt (Oder) haben sich nun aber Energiewende vor der Haustür vorgenommen. E-Ladesäulen, Photovoltaikanlagen und Nahwärme sind für das Quartier Magdeburger und Stendaler Straße im Norden der Stadt geplant.

Absichtserklärung unterschrieben

Am Mittwoch haben die beiden Geschäftsführer Torsten Röglin und Jan Eckardt eine Absichtserklärung für das Modellprojekt „Grüner Norden“ unterschrieben. Die Energieversorgung der 170 Wohnungen in fünf Häusern, die zur Wowi gehören, und Gebäude des Sportzentrums rund um den Olympiastützpunkt soll somit grundlegend umgestellt werden.
Davon haben auch die 300 bis 500 Anwohner in den Wowi-Wohnungen etwas. Zum Beispiel, wenn sie ohnehin vorhaben, sich ein Elektroauto anzuschaffen. Geplant ist eine Befragung der Bewohner und eine entsprechende Installation von E-Ladesäulen. Stellplätze für 194 Autos vermietet die Wowi in dem Quartier ohnehin schon. Eine frühere Befragung zum Elektromobilitätskonzept der Stadt hatte ergeben, dass der Wunsch nach solchen Ladesäulen in dem Quartier hoch ist. Die Säulen werden eine Ladeleistung von 11 Kilowatt haben, das Auto kann dann also über Nacht geladen werden. Hinzu kommt eine große, öffentlich zugängliche Ladesäule mit zweimal 22 Kilowatt.

Erste Ladesäule kommt im Oktober

Innerhalb von vier Wochen kann dieses Vorhaben umgesetzt werden, sagte Wowi-Geschäftsführer Jan Eckardt. Die erste Ladesäule ist beauftragt und soll Mitte/Ende Oktober voraussichtlich ankommen.
Der Strom für die Säulen soll in Zukunft ebenfalls aus dem Wohngebiet stammen. Denn geplant sind Photovoltaikanlagen auf den Dächern. „Das ist kein Hexenwerk, das kann man innerhalb eines Jahres beginnen“, sagte Stadtwerke-Geschäftsführer Torsten Röglin und stellte damit klar, dass die Absichtserklärung kein leeres Versprechen sein soll, sondern solche Dinge „im September 2020 auch mal beginnen müssen“, statt sie für weit in der Zukunft zu planen. Stufenweise wird das ganze Projekt ab Mai 2021 starten.

Ein Viertel der Leistung geht bislang unterwegs verloren

Die Wärmetechnik in den Wohnhäusern läuft derzeit über ein Heizkraftwerk, das fünf, sechs Kilometer entfernt liegt. Dabei gibt es einen Übertragungsverlust von etwa 25 Prozent. Statt der Fern- soll es in dem Modellprojekt eine Nahwärmeversorgung geben. „Am liebsten mit einer Wärmepumpe“, sagte Torsten Röglin. „Photovoltaik und Solarthermie sowie Kraft-Wärme-Kopplung werden den Kern bilden. Wärmepumpen können ergänzen und Speichertechnologien sind unverzichtbar, wenn die Energieversorgung dezentral wird.“
Jan Eckardt (l.), Geschäftsführer der Wowi, und Torsten Röglin, Geschäftsführer der Stadtwerke, unterzeichneten eine Absichtserklärung für das Modellprojekt "Grüner Norden".
Jan Eckardt (l.), Geschäftsführer der Wowi, und Torsten Röglin, Geschäftsführer der Stadtwerke, unterzeichneten eine Absichtserklärung für das Modellprojekt „Grüner Norden“.
© Foto: Lisa Mahlke
Die Nahwärme werde etwas länger dauern, dabei sei man auf Förderungen angewiesen. Genehmigungen zu bekommen, betonte Eckardt, und alle Auflagen zu erfüllen, sei nicht so einfach. Auch Photovoltaikanlagen seien nicht einfach auf jedes Dach zu bringen. Beachtet werden müsse beispielsweise der Brandschutz.
Das warme Wasser, das dann bei den Bewohnern ankommt, soll aus der vor Ort eingefangenen Sonnenenergie stammen, zu einem hoffentlich günstigeren Preis als aktuell, sagte Eckardt. Beim Strom hätten die Menschen aus dem Quartier die Wahl, ob sie bei ihrem Anbieter ökologisch produzierten Strom kaufen oder nicht. An der Energiewende vor der Tür sollen die Anwohner aber auch teilhaben können, indem sie die Möglichkeit der finanziellen Bürgerbeteiligung bekommen, also investieren können.

Intelligente Stromzähler und Vernetzung geplant

Wichtig sei auch, betonten die beiden Geschäftsführer, dass alles digital intelligent vernetzt wird. Eine Vision ist außerdem, intelligente Stromzähler zu nutzen, um den Stromverbrauch zu reduzieren. Elektrogeräte würden sich dann etwa anschalten, wenn der Strom gerade am günstigsten ist.
Röglin hofft, dass die Stadt nach außen Lobbyarbeit für das Projekt „Grüner Norden“ betreiben wird. Stellt sich das Ergebnis, so Eckardt, als wirtschaftlich attraktiv für beide Parteien und die Mieter heraus, könnte das Projekt auf den gesamten Stadtteil ausgeweitet werden.