Zum vereinbarten Termin kommt Johannes Gauerke auf zwei Rädern – nein, nicht motorisiert, sondern mit dem Fahrrad. „Mit dem Motorradfahren auf der Straße habe ich nach kurzer Zeit wieder aufgehört. Ich habe auch gar keine Maschine mehr, die für die Straße zugelassen wäre“, sagt der Frankfurter. Mit 26 Jahren machte er den Motorrad-Führerschein, hatte nach einem halben Jahr einen Unfall. „Da habe ich erkannt, dass mein Fahrstil nicht auf die Straße gehört. Die Unfallzahlen sind deprimierend. Das Ziel des Motorradsports ist es daher auch, die heißblütigen Fahrer von der Straße auf die Rennstrecke zu holen. Ich habe auch kein Verständnis für die Raser auf der Straße, die sich und andere damit in Gefahr bringen.“

Lärmschutz-Regeln auf der Piste strenger als im Straßenverkehr

Auch die lauten Maschinen, die mit Vorliebe am Wochenende über das Land knattern, sind ihm ein Dorn im Auge. „Da werden oftmals Anwohner terrorisiert. Das ist doch absurd, die Lärmschutz-Regularien sind auf der Rennstrecke strenger als im Straßenverkehr“, berichtet der 31-Jährige. Vor allem aber sei das Fahren auf den abgesperrten Pisten weniger gefährlich. „Das Risiko ist kalkulierbarer. Auf der Rennstrecke wird fast nicht gestorben.“ Dennoch weiß er weiß natürlich auch, dass bei seinem Hobby jederzeit etwas passieren kann. „Aber der Kick ist einfach größer als die Angst. Da spielt Adrenalin eine Rolle, das ist schwer zu beschreiben“, erzählt Gauerke, fügt aber direkt an: „Fahrer, die keine Angst beziehungsweise keinen Respekt haben, werden nicht alt. Auf der anderen Seite gehören auf diesem Niveau Stürze dazu. Meine schlimmste Verletzung war ein Schien-und Wadenbeinbruch.“

Die Frankfurter gründeten vor drei Jahren das Team HGA Racing

Mit fünf, sechs Kumpels aus Frankfurt schloss er sich 2017 zum Team HGA Racing zusammen. „Obwohl ich schon zu alt für eine richtige Karriere war, hatte ich schon ein wenig Talent und war auch sehr ambitioniert“, erinnert er sich. Die Abkürzung HGA ist übrigens eine Schnapsidee, die Bedeutung soll geheim bleiben. Im vergangenen Jahr gab es dann einen großen Schnitt, da seine Freundin schwanger wurde und einige Mitstreiter aus verschiedenen Gründen mit dem Motorradfahren aufhörten. Als im Februar sein Sohn zur Welt kam, wollte auch Johannes Gauerke sein Hobby beenden, doch dann packte ihn wieder seine Leidenschaft.
Auch wenn es in diesem Jahr aufgrund der Pandemie zu zahlreichen Absagen kam, hatte er bis zuletzt in der Triumph-Challenge Chancen auf den Gesamtsieg und landete am Ende auf Platz 3. „Zusammen mit Christina Rubin und Tobias Heidler sind wir als Team ,Triple Monster` gestartet. Es handelt sich um die europaweit größte Hobbyrennserie, bei der ausschließlicher Motorrädern der Marke Triumph verwendet werden dürfen. Das Reglement dieser Serie gibt recht wenig her, so das alle Fahrer mit nahezu gleichem Material starten. Somit kommt es also auf die sportlichen Leistungen jedes einzelnen Fahrers an“, erklärt der Frankfurter, der sich ehrenamtlich beim Technischen Hilfswerk engagiert.

Mit ausgestreckten Ellenbogen auf der Rennstrecke

Die Rennen werden jeweils im Doppelpack an einem Wochenende über das Jahr verteilt ausgetragen, zum Beispiel auf dem Lausitzring, in Oschersleben (Sachsen-Anhalt) oder auch in Tschechien. Rund 45 Fahrer sind pro Rennserie dabei. „Die Atmosphäre im Fahrerlager ist sehr schön, es gibt einen guten Zusammenhalt. Auf der Strecke geht es dann aber zur Sache, da wird auch mal mit ausgestrecktem Ellenbogen gefahren.“
Preiswert ist das Hobby allerdings nicht. Für seine gebrauchte Triumph Daytona, Baujahr 2008, hat er 6000 Euro bezahlt. Um die etwa 160 Kilogramm schweren Maschinen zu den Rennen zu befördern, wird ein Transporter benötigt. Etwa zweimal im Monat geht es zudem zum Training auf die Strecke nach Groß Dölln in die Nähe von Templin. „Für ein Renn-Wochenenden kommen mit Gebühren und häufig neuen Reifen schnell eintausend Euro zusammen – pro Fahrer“, berichtet Johannes Gauerke. Hinzu kommen die unzähligen Stunden, die er und seine Mitstreiter vor allem im Winterhalbjahr die Technik pflegen, Ersatzteile ordern und in der Garage zusammenbasteln.

Wenn die Fitness nachlässt, steigt die Unfallgefahr

Unabhängig davon ist Motoradfahren ein anspruchsvoller Sport, für den man fit sein muss. „Das ist ja nicht nur am Gashebel drehen. Ein Rennen zu fahren ist eine körperliche Höchstbelastung, Profifahrer haben während des Rennens einen Puls von 160 bis 180. Eine gute Fitness ist auch wichtig, um die Konzentration hochzuhalten. Denn wenn die nachlässt, dann können Unfälle passieren“, erklärt Johannes Gauerke, der als Elektriker bei der Frankfurter Wasser- und Abwassergesellschaft arbeitet. „Ein gewisses technisches Grundverständnis ist bei mir da, aber bei wenn es um Komponenten wie Motor oder Fahrwerk geht, hört das schnell auf. Da greife ich dann auf Fachwissen zurück, zum Beispiel von unserem Fahrwerksguru Olaf Hilger.“
Für die Zukunft hat das Team HGA-Racing noch einiges vor. „Wir möchten gerne einmal im Leben an einem 24-Stunden-Rennen teilnehmen. Für Amateurfahrer gibt es so ein Langstreckenrennen nur in Spanien. Um dort dabei zu sein, muss man bestimmte Auflagen erfüllen, braucht ein Team von 15 Leuten – darunter vier Fahrer, die sich dann auf einem Motorrad abwechseln. An dieser Irrsinnsaufgabe arbeiten wir zurzeit, vielleicht schaffen wir es in zwei oder drei Jahren mitzufahren. Wir sind dafür immer auf der Suche nach Sponsoren, denn bislang sind wir größtenteils auf unsere eigenen Ersparnisse angewiesen.“

Die Motorsportler freuen sich über neue Mitstreiter

Er selbst möchte im kommenden Jahr erstmals an der German Moto Masters teilnehmen, der anspruchsvollsten Rennserie im Nicht-Profi-Bereich. Außerdem kann er sich vorstellen, eines Tages jüngere Fahrer anzuleiten. „Wir sind bisher kein Verein und haben auch keinen Nachwuchs. Aber vielleicht hat ja der ein oder andere Lust, mal bei uns reinzuschauen. Wir freuen uns immer über neue Mitstreiter.“ Ob sein eigener Sohn einmal in seine Fußstapfen tritt, sei für ihn nicht wichtig. „Klar stellen wir ihm ein Spielzeug-Motorrad hin. Aber wenn er lieber Geige spielen möchte, ist das genauso ok für uns“, sagt Johannes Gauerke und macht sich auf den Heimweg. Natürlich mit dem Fahrrad.