Rot gesprühte Markierung an Dutzenden von Bäumen und Büschen – das entdeckten die Baumfreunde Frankfurt (Oder) während eines Spazierganges durch das Naturschutzgebiet „Oberes Klingetal“. „Mitglieder vom Naturschutzbund erklärten mir dann, dass die gekennzeichneten Bäume Anfang Oktober gefällt werden sollen“, erzählt Birgit Pohl, die neben den Baumfreunden ebenfalls im Nabu aktiv ist. Der Grund sei der Fortbestand und das Wachstum der Orchideenart „Breitblättriges Knabenkraut“.

Fällungen und Rückschnitte sollen für weniger Schatten sorgen

Nachfragen bei der unteren Naturschutzbehörde, was im Oberen Klingetal genau zum Erhalt der Feuchtwiese samt Breitblättrigen Knabenkraut unternommen werden soll, ergeben: 40 Baumfällungen und Rückschnitte im unmittelbar an die Orchideenwiese angrenzenden Gehölzbestand sollen bald beginnen. Weiter: „Die Verringerung der Beschattung und der damit verbundene Eingriff in den unmittelbar angrenzenden Gehölzbestand stellt, neben der Fortführung der Pflegemahd und Maßnahmen zum Wasserhaushalt, nur eine der Maßnahmen des Pflegekonzeptes dar“, so die Behörde.
Der Umfang der vorgesehenen Gehölzverringerung – über mehrere Jahre gestreckt – spiegele die naturschutzfachliche Bedeutung wider, die hinsichtlich der Erhaltung der Orchideenwiese maßgeblich sei.

Auch eine gut 80 Jahre Weide wurde rot markiert

„Diese gut 80 Jahre alte Weide soll auch gefällt werden“, sagt Hannelore Skirde, Gründerin der Baumfreunde – und zeigt auf die große Weide, die ein gutes Stück von den Orchideen entfernt steht. Rote Nummern stehen auch an einer hohen Eiche, Traubenkirschen, Ahorn – oder an Totholz, wie ein Rundgang vor Ort zeigt. „Das wirft doch wirklich gar keinen Schatten“, sagt Skirde verärgert. Außerdem sei Totholz für Mikroorganismen, Insekten, für den Vogelnestbau und zur Humusbildung sehr wichtig.
Das Naturschutzgebiet „Oberes Klingetal“ wurde 1996 vor allem wegen dem Vorkommen der Orchideen unter Schutz gestellt. Sie seien als „essentieller Schutzzweck“ in der Verordnung zum Schutzgebiet aufgeführt und daher im Falle von naturschutzfachlichen Zielkonflikten prioritär zu behandeln („konservierender Naturschutz“), so die Verwaltung.

„Oberes Klingetal“ ist seit 1996 ein Naturschutzgebiet

Seit den 1990er Jahren erfolgt eine kontinuierliche Erfassung und Dokumentation der Bestandszahlen auf der Orchideenwiese. Aufgrund der stark rückläufigen Anzahl erfolgte die Erarbeitung eines Pflegekonzeptes, welches die standörtlichen Gegebenheiten und die naturschutzfachlichen Erfordernisse zur Erhaltung der Feuchtwiese und des Orchideen-Vorkommens berücksichtigt.
Die untere Naturschutzbehörde hat das Konzept mit Fachleuten sowie lokalen Akteuren – Schutzgebietsbetreuende, Nabu Regionalverband Frankfurt (Oder) – abgestimmt; auch die anerkannten Naturschutzverbände, den Naturschutzbeirat der Stadt sowie die zuständige Landesbehörde für Natur und Landschaft (Landesamt für Umwelt) sind daran beteiligt.
Eine allgemeine Rückläufigkeit ja, aber nicht kontinuierlich – so zeigen Zahlen vom Nabu: Nach dem starken Abfall von 6.600 Orchideen im Jahr 2000 auf 11 in 2012, habe sich der Bestand mit aktuell 300 wieder erholt. „Die Ursachen für die Populationsschwankungen kennen wir nicht“, zitiert Pohle den Frankfurter Botaniker Werner Weiß, der sich bereits seit den 1990ern mit der Orchideenart beschäftigt.

Landesamt für Umwelt und Naturschutz begrüßt Baumfällungen

„Ich begrüße die Absicht der Unteren Naturschutzbehörde...“, schreibt Andreas Herrmann vom Landesamt für Umwelt und Naturschutz. Die Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen zum Erhalt der Orchideenwiese sei „ausgewogen“, „behutsam“– und trage zur Umsetzung der Biodiversitätskonvention von Rio de Janeiro innerhalb des brandenburgischen Naturschutzes bei. Und beim Wasserhaushalt und den Böden im Klingetal sei zu bedenken, so Herrmann, dass das Heranwachsen „starkwüchsiger Gehölze“ auf vermoorten Talböden nicht nur deren Verwässerung verstärke, sondern auch die Mineralisierung der Torfe beschleunige.

Mineralisierung durch „starkwüchsige Gehölze“ – oder Düngemittel?

Eine derartige Mineralisierung befürchten die Baumfreunde eher durch den Ackerbau, nördlich der Wiese. „Wenn der Bauer düngt, kann hier doch leicht etwas angeschwemmt werden“, sagt Skirde.
Sollten nicht Bäume bewahrt werden, auch angesichts immer trockenerer Sommer? Ja, Wälder und Bäume sind ein wichtiger Bestandteil im Hinblick auf klimaschutzrelevante Maßnahmen, antwortet die untere Naturschutzbehörde. Aber: Auch Bäume im Stadtgebiet seien von besonderer Bedeutung und erfüllen vielfältige Funktionen. „Vor dem Hintergrund der biologischen Vielfalt ist jedoch die einseitige und alleinige Betrachtung des Schutzgutes Baum weder zielführend und gesetzeskonform noch gesellschaftlich verantwortbar“, meint die Behörde. Im Naturschutzgebiet „Oberes Klingetal“ sei Baum- und Waldschutz kein prioritäres Schutzziel.

Naturschutzbehörde hält an Zahl der geplanten Fällungen fest

Eine Absage erteilte die Verwaltung auch dem Vorschlag, weniger Bäume zu fällen. „Ohne die Ergreifung der genannten Maßnahmen ist eine erfolgreiche mittel- bis langfristige Sicherung und Stabilisierung der Orchideenbestände gefährdet.“ Sonst könne der „notwendige Effekt der Beschattungsverringerung“ nicht wirksam werden.
Für diesen Herbst wurde bereits eine Fachfirma für den ersten Teilabschnitt zur Fällung von anfangs sieben Bäumen und Gehölzrückschnitten beauftragt.

Baumfreunde wollen mit Naturschutzbehörde im Gespräch bleiben

Die Baumfreunde wollen trotzdem weiter im Gespräch mit den städtischen Behörden bleiben – um beispielsweise über Ausgleichspflanzungen zu reden. Denn: Orchideen seien zwar schön anzuschauen – „aber unter ihnen findet man keinen Schatten“, sagt Pohle.

Infos zur Orchideen-Wiese


Beim Breitblättrigen Knabenkraut (Dactylorhiza majalis) handelt es sich um eine Orchideenart der gehölzfreien Moore und Feuchtwiesen. Aufgrund komplexer artspezifischer Zusammenhänge (u.a. Symbiose mit im Boden vorhandenen Pilzen) ist die Art nicht beliebig um- oder ansiedelbar. Deshalb ist das Breitblättrige Knabenkraut eine nach der Bundesartenschutzverordnung „besonders geschützte, bundesweit gefährdete Pflanzenart“ (Rote Liste 2 in Brandenburg). Seit den 1990er Jahren erfolgt eine kontinuierliche Erfassung und Dokumentation der Bestandszahlen auf der Orchideenwiese. Aufgrund der stark rückläufigen Bestandsentwicklung erfolgte die Erarbeitung eines Pflegekonzeptes, welches die standörtlichen Gegebenheiten und die naturschutzfachlichen Erfordernisse zur Erhaltung der Feuchtwiese und des Orchideen-Vorkommens berücksichtigt, so die untere Naturschutzbehörde.