1974 sei er das erste Mal mit Neonazismus konfrontiert worden, erzählte Bernd Wagner. Damals, bei der Bereitschaftspolizei in Basdorf, habe er Männer kennengelernt, "die offen antisemitisch waren und sich mit SS-Diensträngen begrüßten". Eine Erfahrung, die den seinerzeit überzeugten Sozialisten mehr als irritierte. Wie konnte so etwas sein, in einer Gesellschaft, die sich ganz wesentlich über den Antifaschismus definierte?
Bei dem einem Erlebnis blieb es nicht. Auch, weil der studierte Kriminalist in der DDR zeitweilig die Abteilung Extremismus und Terrorismus im Zentralen Kriminalamt leitete, ebenso eine Arbeitsgruppe "Skinhead" bei der Kriminalpolizei.
Der gebürtige Frankfurter Bernd Wagner erzählte von einer Wehrsportgruppe in Fürstenwalde, von Neonazis im Oderbruch, ebenso von einem Gefängnisausbruch in Frankfurt mit mutmaßlich rechtsradikalem Hintergrund 1981. In der Öffentlichkeit erfuhr man davon nicht viel. Das Problem am rechten Rand wurde kleingehalten. "Man war der Meinung, das ist alles gar nicht so schlimm. Man müsse nur mal mit den Leuten reden, und dann sei das wieder gut".
Doch von Einzelfällen konnte keine Rede sein. Menschen mit rechtsradikaler, fremdenfeindlicher Gesinnung bildeten in verschiedenen Milieus Netzwerke.In Fußball-Fangruppen, in Gefängnissen, unter Jugendlichen. Dabei sei die Szene zwischen 1980 und 1990 zunehmend gewalttätiger geworden, erklärte Wagner.
Der Rechtsradikalismus-Experte hat in diesem Jahr an der Viadrina seine Doktorarbeit zu dem Thema abgeschlossen. Er sagt: Neonazistische Netzwerke im Osten waren längst da, als 1989 die Mauer fiel. Zu den aktivsten (auch in Frankfurt) gehörten unter anderem die Bewegung 30. Januar, die Nationalistische Front oder die Hammerskins. Im zunehmenden Verbund mit den rechten Milieus und Parteien in den alten Bundesländern hätten ihre Mitglieder Anfang der 1990er-Jahre in Ostdeutschland auch die Szenerie bestimmt. Denn sie glaubten, so Wagner, "dass die nationale Revolution in der Luft liegt."
Einige von ihnen hat Wagner später wiedergetroffen - bei Exit Deutschland. Die Initiative, die Rechtsradikale beim Ausstieg aus der Szene unterstützt, hatte der 59-Jährige im Jahr 2000 zusammen mit dem früheren Neonazi und Aussteiger Ingo Hasselbach gegründet. Für sein Engagement wurde ihm vor kurzem das Bundesverdienstkreuz verliehen.
Kleiner geworden sei das Problem seit der Wende nicht, meinte Bernd Wagner am Dienstagabend. Im Gegenteil: Es gebe deutliche Anzeichen dafür "dass die rechtsradikale Bewegung immer noch hochvirulent ist".