An den drei Fakultäten der Europa-Universität lernen rund 6500 Studenten. Rund 70 Professoren und deren Mitarbeiter forschen in ihren Fachgebieten. In der Reihe  „Woran ich arbeite“ berichten wir regelmäßig aus dem wissenschaftlichen Alltag der Viadrina.
Die Süddeutsche Zeitung hat schon um ein Interview gebeten, Deutschlandfunk und der MDR. Timm Beichelt ist gefragt derzeit. Üblich ist das nicht, wenn Politik-Professoren ein Buch veröffentlichen, doch Timm Beichelt hat gutes Timing bewiesen. Wenige Wochen bevor in Russland die diesjährige Fußballweltmeisterschaft der Männer angepfiffen wird, erscheint im Suhrkamp-Verlag „Ersatzspielfelder. Zum Verhältnis von Fußball und Macht“.
Wer im System Fußball Macht hat, dieser Frage ist Beichelt in seinem Buch auf der Spur. Trainer, Manager, Spieler-Stars, sie alle haben durch ihre gesellschaftliche Präsenz ungeheuren Einfluss, hat Beichelt beobachtet. Unbedingter Erfolgswillen und ein unangefochtenes Wettbewerbsideal sind Deutungsmuster, die vom Fußball aufs allgemeine gesellschaftliche Leben übertragen werden. Trainer und Manager aber, die diese Deutungsmacht haben, wurden nicht gewählt, einer Rechenschaftspflicht sehen sie sich nicht unterworfen.  „Die Erwartung, dass sie diese Rolle als Politiker ernstnehmen, wird enttäuscht“, so Beichelts Erkenntnis.
Das gilt für die einzelnen Vereine wie für die großen Verbände. Die Recherchen zum Buch waren schwierig, seinen sonstigen Standards wissenschaftlichen Arbeitens genügen sie oft nicht, gibt Beichelt zu. „Als Wissenschaftler will ich die ursprüngliche Quelle selbst prüfen, das ging oft nicht“, berichtet er. Dutzende Vereine und Verbände hat er angeschrieben – keine Antwort. Immer wieder hat er beim DFB angefragt, ihm Zahlen einzuordnen. Vergebens.
Was Beichelt selbst überrascht hat: wieviel öffentliches Geld im Profi-Fußball steckt und wie wenig darüber öffentlich diskutiert wird. Als Beispiele führt er den subventionierten Stadionbau und den Rundfunkbeitrag an, mit dem auch Ausstrahlungsrechte für Fußballspiele gekauft werden. Den Widerspruch zwischen Gemeinnützigkeit, der sämtliche Vereine und Verbände unterliegen und der Profitorientierung geht Beichelt am Beispiel des Deutschen Fußball-Bundes nach. Wie der DFB seine Gemeinnützigkeit nutzt, welche Anteile an seinem Geschäft steuerbefreit sind, diese Fragen blieben offen. „Viele Entscheidungen im Fußball folgen ausschließlich ökonomischen Interessen, aber der DFB-Präsident benennt das nicht“, sagt Beichelt über die mangelnde Auskunftsfreude.  Seiner Meinung nach würde sich der Fußball um die Massentauglichkeit bringen, wenn man diesen Zusammenhang klarer auf den Tisch legte.
Ein Pamphlet hat Beichelt trotz all seiner Kritikpunkte nicht geschrieben, dafür ist er zu differenziert. Auch in den Liebhaber-Chor für den wahren Fußball und gegen den Kommerz mag er nicht einstimmen. „Ich habe VWL studiert, und stimme daher nicht zu, dass Geld per se verwerflich ist“, sagt er. Den von Red Bull finanzierten Club RB Leipzig zum Beispiel halte er für ein „interessantes Identifikationsangebot in Ostdeutschland“. Auch wenn es dort natürlich ums Hochkapital gehe und viele demokratische Grundsätze verletzt würden. Gerade diese Ambivalenzen reizen den Forscher Beichelt. Es sind nicht die einfachen Antworten, die man in seinem Buch findet.
Und was hat das Schreiben mit dem Fußballfan Timm Beichelt gemacht? Der größte war er ohnehin nie, gibt er zu. Er spielte zwar selbst bis zu einer Verletzung gern, im Rheinland, in Heidelberg und auch beim Frankfurter USC. Interessanter als die Spielzüge findet der beim Fußballschauen die Interviews danach. Wie selbstbewusst gibt sich ein Verein? Wie offen dürfen die Spieler sein? Wütet der Trainer neben der Bank? „Ich habe wohl einen gesellschaftlicheren Blick als die meisten.“  Insgesamt begleitet er den Sport nach seinen Recherchen weniger begeistert, die mangelnde Bereitschaft zum öffentlichen Diskurs stellt für ihn eine Legitimationsgefahr für den Fußball dar. Der Politikwissenschaftler gibt aber auch zu: Das Schreiben hat Spaß gemacht. „Ich gucke lieber ein Champions League–Spiel als eine Bundestagsdebatte.“
Erste öffentliche Vorstellung des Buches am Dienstag, 15. Mai, ab 16.15 Uhr im Raum 101 des Logenhauses. Im Anschluss diskutiert Beichelt mit Politikwissenschaftler Michael Minkenberg und Sprachwissenschaftler Peter Rosenberg.

Zur Person


Timm Beichelt ist 1968 in Köln geboren. Er hat in Heidelberg und Paris Politik, Volkswirtschaftslehre und Slawistik studiert. Seine Dissertation zum Thema „Demokratische Konsolidierung im postsozialistischen Europa“ wurde 2002 als „beste Dissertation“ durch die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft  ausgezeichnet. Seit 1999 arbeitet er an der Viadrina, seit 2003 als Juniorprofessor und seit 2008 als Professor für Europa-Studien. Der Politikwissenschaftler leitet den Master-Studiengang „European Studies“ und das Viadrina Institut für Europa-Studien. Zudem ist Prof. Dr. Timm Beichelt Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde.