Das Wetter kann sich bekanntlich auf die Stimmung auswirken. Diese Erkenntnis führt Torsten Himstedt, Moderator der "Nacht der Poesie", hingegen nur an, um sie anschließend mit der Ankündigung der ersten Autorin der Lese-Nacht zu widerlegen. Sie sehe das nämlich anders: "Es sind wir, die Einfluss auf das Wetter haben", zitiert er sie.
Heike Radtke macht am Freitagabend im Kleist-Museum daraufhin den Anfang. In ihrer Kurzprosa erzählt sie von einer jungen Frau, die sich spät am Abend auf den langen Heimweg von einem Bahnhof in ihr zwei Kilometer weit entferntes Dorf macht. Erst ist es totenstill, dann hingegen lässt die 61-jährige Autorin ihre Figur Bäume sehen, die zum Leben erwachen sowie Äste, die beginnen, nach ihr zu greifen. Die Erzählerin beschreibt, wie sich ihre wirren Gedanken mit Ereignissen mischen, die sich früher am Tag ereignet haben. Sie denkt an die verhauene Prüfung zurück sowie daran, dass sie gesehen hat, wie ihr Freund eine andere geküsst hat.
Zum Schluss hingegen kommt die Wende. Die Hauptfigur kommt nach Hause und wird von ihrer Mutter fest in die Arme geschlossen. "Was sie sonst nicht macht", lässt Heike Radtke ihre Protagonistin denken. Dann berichtet die Mutter von dem Anruf ihres Freundes, der wissen wollte, warum sie weggelaufen sei. Er habe ihr doch nur seine Schwester vorstellen wollen. Schließlich fragt sich die Hauptfigur: "Hab ich die Prüfung vielleicht doch nicht verhauen?"
Hoffnung beschreibt Joachim Bergmann, der seit neun Jahren zu den Oderland-Autoren gehört, wiederum aus der Perspektive eines Geflüchteten. Stoff für derlei Geschichten, in denen es um das Verlassen der eigenen Heimat geht, habe der 72-jährige in seinem Leben genug gesammelt. Auch er, erzählt der Moderator über den Autor, habe damals mit seiner Familie seine Heimat Niederschlesien verlassen müssen. In seinen Gedichten tastet er sich an dieses Gefühl von damals heran und erschafft eine Atmosphäre beinahe erdrückender Stille. Dabei beschreibt Bergmann geradezu banale Situationen, in denen die Familie an einem Abend zusammensitzt, die Nähmaschine eine halbe Stunde stillsteht und die Ratte im Keller zu hören ist. Darin mischt sich der Gedanke, dass "noch Haferflockensuppe übrig ist". Bergmann ergänzt nach dem Vortrag: "Als Kind erlebt man das anders als ein Erwachsener."
Dass er das Thema Hoffnung nicht ohne Humor betrachten kann, bewies hingegen Manfred Schmidt. Auch wenn sich seine Texte häufig um das Thema Vergänglichkeit drehen, das Auflösen schöner Wolken zum Beispiel oder den Abschied vom Sommer in seinem "Herbstlied", ist es nicht die Melancholie, die seine Geschichten trägt. In einem seiner Gedichte lässt er einen Sprecher zu einem 80 Jahre alten Herrn sagen: "Willst du wie ein alter Baum deine Wurzeln knorrig durch das Erdreich quälen, morsch und rissig noch was wagen?" Den alten Mann lässt er daraufhin entgegnen: "Die Show muss doch weitergehen" - und meint damit auch die Veranstaltung selbst, zu der die Oderlandautoren noch zwei Ehrengäste auf die Bühne kommen lassen.
Zwei Lyriker, die den Blick von außen beschreiben - auf Brandenburg sowie auf Frankfurt. Rudolf Loch, der sich als ehemaliger Direktor des Kleist-Museums einen großen Teil seines Lebens dem gleichnamigen Dramatiker gewidmet hat, erzählt in seiner Geschichte etwa von seinem ersten Besuch in Frankfurt. Wie er auf die Oder blickend den sich in Richtung Strom bewegenden Schilf beobachtet und dabei vergisst, dass inmitten dieses Stroms eine Grenze verläuft.
Zu ihren sprechenden Bildern lädt die amtierende Burgschreiberin zu Beeskow, Regina Hilber, ein. In den Gedichten ihres "Brandenburg-Zyklus" wird nicht nur deutlich, wie sehr die hiesige Landschaft der österreichischen Lyrikerin imponiert. Denn neben den Zeilen, in der die Schönheit der Streichholzwälder angepriesen wird, schreibt sie ebenso vom Wegzug und davon, dass "die Dörfer ausrinnen und keiner fragt, wann kommst du wieder".
Die Oderland-Autoren sind eine Vereinigung von Autoren, die gemeinsam Lesungen in der Frankfurter Konzerthalle oder im Kleist-Museum durchführen. Jährlich werden die Texte in den Anthologien zur "Nacht der Poesie" und zur "Lyrik im Foyer" von Peter Marchand herausgegeben. Sie kosten zwischen 7 und 9 Euro und sind online sowie im Buchhandel erhältlich.