Schwarz gekleidet tritt der Künstler in den Lichtkegel. Sein graues Haar fällt ihm in Wellen auf die Schultern. Er beginnt damit, seine Lebensgeschichte zu schildern. Doch der in Berlin lebende Künstler, der in Sizilien geboren wurde, benutzt mehr, als nur Gebärden. Diese Sprache der Gehörlosen verbindet er mit Gestik und Mimik, eine sehr emotionale Form des Ausdrucks – nur eben ohne das gesprochene Wort. Mit vollem Körpereinsatz und viel Humor, beschreibt Giuseppe Giuranna, wie er auf Sizilien aufwuchs und wie er zum Theater gekommen ist.
Mit drei Jahren, schildert Giuseppe Giuranna, habe er begonnen, Gebärden zu verwenden. „Ich habe mit den Händen alles nachgemacht, was ich gesehen habe. Zum Beispiel, wie die Bäume sich im Wind wiegen.“ Zunächst habe er alles allein auf der Toilette ausprobiert, bis seine große Schwester ihn eines Tages dabei ertappte. Sie riet ihm dazu, auf die Bühne zu gehen. „Meine Mutter wollte, dass ich sprechen lerne und nicht die Gebärdensprache. Aber ich brauche meine Hände zur Kommunikation.“
Die Idee, Einblicke in die Gehörlosenkultur zu geben, stammt von Ulrike Wrobel, die derzeit den Lehrstuhl für angewandte Sprachwissenschaft an der Viadrina vertritt. „Gebärdensprache ist lange so etwas wie verboten worden. Die Begründung war, dass sie davon abhalte, sprechen zu lernen“, erklärt die Sprachwissenschaftlerin. Die deutsche Gebärdensprache sei etwa erst 2002 als offizielle Sprache anerkannt worden. Es handle sich aber keineswegs um eine primitive Ersatzsprache, die Grammatik sei ähnlich komplex, wie die von Schriftsprachen, sagt Ulrike Wrobel. „Junge Gehörlose verstehen sich als Sprachminderheit im eigenen Land.“
Wie er zu einer eigenen Ausdrucksform fand, schildert Giuseppe Giuranna. Auf der schwarzen Bühne befindet sich ein Stuhl mit roter Decke, auf dem nacheinander Requisiten, etwa ein Motorradhelm, ihren Platz finden. Bei der Schilderung der Fahrten auf dem Zweirad im süditalienischen Verkehr, meint man als Zuschauer, neben dem fluchenden LKW-Fahrers zu fahren. Nach der Vorstellung hebt das Publikum die Hände zum stillen Applaus – die Gebärde für das Klatschen ist, die gehobenen Hände schnell nach links und rechts zu drehen.