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"Die Faschisten haben meine Großmutter mit dem Gewehrkolben erschlagen. Und jetzt ziehen die da durch die Leipziger Straße." Erika Czuprinna ist entsetzt. Die alte Dame kann sich noch gut daran erinnern, wie 1938 in Frankfurt die Synagoge brannte. Mit Nazis will sie nichts zu tun haben, deshalb hat sie einen warmen Mantel angezogen und einen Arm voll Rosen gekauft, um denen zu danken, die sich den Rechten in den Weg stellen. Auch sie wird ausharren: So wie unter anderem Brandenburgs Finanzminister Helmuth Markov (Linke), Oberbürgermeister Martin Wilke (parteilos) und Stadtverordnetenvorsteher Peter Fritsch (SPD) steht sie stundenlang auf der Leipziger Straße in Höhe Kießlinghaus, bis gegen 17.30 Uhr der Versammlungsleiter bekannt gegeben wird, dass die Nazis abgereist sind.
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Die haben bis dahin gut 200 Meter weiter südlich gestanden. Rund hundert Rechte hat die Polizei gegen 12 Uhr vom Bahnhof in Richtung Altberesinchen begleitet. Entgegen schlug ihnen ein Pfeifkonzert von Frankfurtern, die sich an einer Polizeiabsperrung am Bahnhofstunnel versammelten. Die Neonazis zogen weiter über Eichorn- und Hildebrandstraße bis die Polizei ihren Zug Höhe Cottbuser Straße endgültig stoppte.
Auf erkennbare Zustimmung der Anwohner stößt das nicht. "Das ist doch wohl das Letzte, dass die hier überhaupt marschieren dürfen", schimpft ein Mann vom Balkon. "Nazis raus", ruft eine Mittfünfzigerin, die gerade ihre Einkäufe nach Hause trägt, den Rechten entgegen, die NPD-Landeschef Klaus Beier immer wieder zum Durchhalten aufruft. Ziel der Demonstration ist es, zur Grenze zu gelangen.
Dass das nicht gelingt, ist erklärtes Ziel des Bündnisses "Kein Ort für Nazis in Frankfurt (Oder)". Schon am Morgen haben sich Nazi-Gegner am Kaufland in der Heilbronner Straße getroffen. Der Oberbürgermeister ruft ebenso zum Widerstand auf wie Viadrina-Präsident Gunter Pleuger. Allerdings kommt nicht jeder zu Wort, der sich auf einen Auftritt dort vorbereitet hat. So zieht die Ökumenische Kantorei unverrichteter Dinge wieder ab, nachdem Bündnis-Sprecher Janek Lassau die Anwesenden gegen 10 Uhr auffordert, nun zum Bahnhof zu gehen.
Dort bleiben noch gut zwei Stunden bis zum Eintreffen der Nazis, der Bahnhofsvorplatz aber ist längst abgesperrt. Reisende werden zurückgeschickt über die Ferdinandstraße, mancher Zug fährt inzwischen ohne sie. Wer mit dem Auto unterwegs ist, hat auch seine Probleme. Immerhin ist mit der Leipziger Straße eine der Frankfurter Hauptverkehrsachsen dicht.
Für die Polizei, mit mehreren Hundert Einsatzkräften vor Ort, und viele besorgte Frankfurter zählt aber etwas ganz anderes: Der Tag ist im wesentlichen friedlich verlaufen. Gemeldet werden sieben Platzverweise wegen Verstoßes gegen das Vermummungsverbot im Versammlungsgesetz und 13 Anzeigen unter anderem wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Außerdem schickte die Polizei 13 Polen zurück, die vermummt und mit Zaunlatten bewaffnet in der Karl-Marx-Straße getroffen wurden.