Dass sie ein Ehrenamt innehat, war Lena Wolfert, Referentin für Gleichstellung und Soziales beim Asta der Viadrina, lange gar nicht klar. Für sie war ihr Engagement in der Hochschulpolitik, in Uni-Gruppen und beim "Netzwerk für Demokratie und Courage" (NDC)  einerseits immer ein Hobby, andererseits eine Art Selbstverpflichtung: "Es gehört einfach dazu, sich in die Gesellschaft einzubringen", sagt die 21-Jährige.
Vor einem Jahr hat Wolfert an der Viadrina den Bachelor in Kulturwissenschaften begonnen, und sich in diesem Sommer in den Asta wählen lassen. Asta bedeutet "Allgemeiner Studentischer Ausschuss". Er vertritt die Studierenden in universitären Gremien, und auch außerhalb der Hochschule. In Frankfurt besteht er aus einer Vorsitzenden und zehn Referentinnen und Referenten, die sich mit verschiedenen Themen wie Finanzen, Hochschulpolitik, Kultur oder Öffentlichkeitsarbeit beschäftigen. Jedes Jahr werden die Referate und der Vorsitz von den Studierenden neu gewählt.
Kritische Weißheit
Vom Thema Gleichstellung und Soziales hatte Wolfert sich sofort angesprochen gefühlt. Schon beim NDC, wo sie seit mehreren Jahren für Demokratiebildung an Schulen aktiv ist, und in einem FSJ Politik habe sie sich mit verschiedenen Diskriminierungsformen und mit Minderheiten beschäftigt. Als Gleichstellungsreferentin organisiert sie nun zusammen mit der Referentin für Antirassismus das "festival contre le racisme", eine Kampagne gegen Ausländerfeindlichkeit, die einmal im Jahr, im Sommersemester, an deutschen Hochschulen stattfindet. Es soll unter anderem ein Seminar zu "kritischer Weißheit" geben. "Das bedeutet, dass wir uns als weiße Personen unsere Privilegien bewusst machen. Dass wir in vielen Teilen der Welt durch unsere Hautfarbe einen Vorteil haben", erklärt sie.
Gleichstellung bezieht sich aber  nicht nur auf unterschiedliche Herkunft, Hautfarben oder Geschlechter, sondern auch auf die finanzielle Situation. So berät Wolfert über Studienfinanzierung und Stipendien, organisiert Zuschüsse für das Semesterticket und für gewordene Eltern ein Willkommensgeld von 50 Euro pro Kind. Zur regelmäßigen ehrenamtlichen Arbeit gehören auch die Asta-Sitzungen, die alle zwei Wochen stattfinden, sowie regelmäßige Berichte im Studierendenparlament – insgesamt seien das wohl zehn bis 15 Stunden Arbeit die Woche.
Im vergangenen Jahr hat Wolfert außerdem die feministische Hochschulgruppe "Via Sorority" mitgegründet. "Via" steht für die Viadrina, "Sorority" bedeutet "Schwesternschaft". Die Initiative lädt zweimal im Monat zu Stammtischen ins Verbuendungshaus Fforst ein, in denen Geschlechtergerechtigkeit und Themen wie sexuelle Belästigung diskutiert werden. Manchmal seien die unterschiedlichen Engagements neben der Uni und ihrem Job –  inzwischen arbeitet sie für den NDC als Viadrina-Botschafterin an Schulen – zwar stressig, aber ihr gefällt, "dass ich Aufmerksamkeit für die Themen Diskriminierung und Gleichstellung schaffen kann.", sagt sie.
Für das Ehrenamt sei es aber auch wichtig, in Frankfurt zu leben. Viele Veranstaltungen, wie der Stammtisch, finden abends statt, die Asta-Sitzungen dauern sogar oft bis nach 22 Uhr. Für Studierende, die in Berlin wohnen, wäre es gar nicht möglich, teilzunehmen. Wäre Wolfert nicht hierhergezogen, wäre sie vielleicht nie so eng mit dem Asta in Kontakt gekommen. Mit den Kommilitoninnen und Kommilitonen vom Asta auch privat Zeit zu verbringen, sei sehr wertvoll, um sich gegenseitig "empowern", also bestärken, zu können.
Ursprünglich wollte Wolfert, die aus Dresden kommt, gar nicht in Frankfurt studieren, sondern unbedingt in den Westen gehen. "Ich habe die DDR zwar nicht mehr erlebt, aber doch mitbekommen, dass Einiges im Osten nicht verarbeitet werden konnte und daher viele das Gefühl haben, etwas verloren zu haben, und dass man im Westen mehr Chancen hätte", sagt sie. Mit der "ostdeutschen Identität" ist für sie aber auch die Selbstverständlichkeit politischen Engagements verbunden: "Bei uns in Sachsen musste man sehr früh schon politische Entscheidungen treffen: Entweder ist man Nazi oder man demonstriert gegen die. Ich weiß, dass wir weiter für Demokratie kämpfen müssen."
Andere zum Diskutieren anregen
Sie will sich auch dafür stark machen, dass Deutschland mehr zusammenwächst und der Osten nicht Wendeverlierer bleibt. Deswegen ist sie inzwischen froh, nicht in den Westen "abgehauen" zu sein, "obwohl ich wusste, wenn ich gehe, wird es viele Probleme nicht mehr geben." Wie zum Beispiel den vielerorts offen gezeigten Rechtsextremismus.
Nach der Uni will Wolfert vielleicht mal in einem Sozialforschungs- oder Bildungsinstitut arbeiten und ihr Engagement – oder Hobby – zu einem Beruf machen, in dem sie sich für Gleichstellung auf vielen Ebenen einsetzen kann: Gleichstellung der Geschlechter sowie von Deutschen und Nicht-Deutschen, West- und Ostdeutschen. "Ich kann Menschen gut Dinge beibringen", sagt sie. Sie zum Denken und Diskutieren anregen – das hat sie unter anderem im Asta gelernt.