Wer wissen wollte, was auf dem Ziegenwerder immer so laut zwitschert, musste jetzt für einen Sonntag besonders früh aufstehen. Die Antwort darauf lieferte nämlich die Vogelstimmenwanderung von Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und Landwirtschaftspflegeverband, die bereits um 8 Uhr startete. Die 15 Frankfurter, die es bei Nieselregen so zeitig schon auf die Insel geschafft hatten, erfuhren, dass die Vogelwelt auf dem Ziegenwerder ein paar ganz besondere der gefiederten Tiere beherbergt.
Schon frühmorgens krächzt, sirrt und piept es auf der Oderinsel um die Wette. Da ließen sich die Vögel an der Oder auch nicht sehr von den Frauen und Männern beeindrucken, die auf ihrem Weg über die Insel mehr über die zwitschernde Tierwelt darauf erfahren wollten. Zur Vogelstimmenwanderung hatten Johannes Giebermann vom Landschaftspflegeverband sowie Hans-Jürgen Fetsch und Joachim Becker vom Nabu geladen. Der Ziegenwerder ist Vogelschutzgebiet und so finden sich hier neben den häufigen Arten wie Star, Buchfink und Kohl- oder Blaumeise auch seltene Vögel wie der Gänsesäger, der in Höhlen in den Baumstümpfen der alten Pappeln brütet, oder der Schlagschwirl, der aussieht wie ein Spatz, aber zirpt wie eine Grille.
Doch die Vogelwelt der Insel hat noch eine ganz besondere Eigenart der Natur zu bieten. "Auf dieser Insel gibt es Nachtigallen, aber auch den Sprosser, eine mit der Nachtigall verwandte Art, dessen Verbreitungsgebiet aber eher östlicher liegt", erklärt Joachim Becker. "Hier in Frankfurt treffen sich aber beide Vogelarten. Sie singen so ähnlich, dass sie aufeinander antworten."
Zur Demonstration hat Becker einen Kassettenrekorder mit großem Lautsprecher mitgebracht, den er nun hoch in die Luft hält und darauf Nachtigallen- und Sprossergesang abspielt. Und tatsächlich, die eben gehörte echte Nachtigall antwortet sowohl auf den Gesang der Kassetten-Nachtigall als auch auf den des Kassetten-Sprossers.
"Nachtigall und Sprosser paaren sich, so dass wir hier auf Ziegenwerder Hybride dieser Vogelarten finden. Die sind dann aber fast immer männlich und haben einen ganz undefinierbaren Gesang", erklärt er seinen Zuhörern.
Becker hat die beiden Vogelarten und ihre Mischlinge 15 Jahre lang studiert und kann ganze Stammbäume einzelner Vögel zitieren. "Manchmal hätten nur zwei benachbarte Vögel ihre Partner tauschen müssen, dann hätten sie wieder artenreinen Nachwuchs gehabt."
Es wird also nie langweilig in der Vogelwelt des Ziegenwerders. Nach weit über einer Stunde Wanderung durch die Flora und Fauna der Insel wissen die 15 Frühaufsteher nun auf jeden Fall Bescheid über die Frage: Was piept denn da? Vielleicht war es ja eine Sprosser-Nachtigall.