Ein Zirkus macht fast nie Pause. Die Weihnachtsvorstellung des Circus Henry ist auch am heutigen Tag zu sehen. Doch nach der Show haben auch die Zirkusmitglieder und vor allem ihre Tiere feste Silvesterbräuche.
Es sieht noch richtig weihnachtlich aus in dem Zirkuswagen, in dem sich Alicia Mai gerade für ihren Auftritt in anderthalb Stunden vorbereitet. Lichterketten und sogar ein Weihnachtsbaum stehen in dem mobilen Zuhause. Weihnachtlich ist auch die dazugehörige Show, mit der der Circus Henry in diesem Jahr zum ersten Mal in Frankfurt gastiert. Doch wie begeht so ein Zirkus eigentlich die Silvesternacht?
Die fängt – natürlich – mit einer Zirkusvorstellung an. Anders als an den anderen Tagen geht die knapp zweistündige Show erst um 19 Uhr los. Danach setzt sich die 25-köpfige Zirkusfamilie zusammen, um das Jahr mit ihrem traditionellen Silvesteressen ausklingen zu lassen: Kartoffelsalat und Würstchen. Das lässt sich gut vorbereiten und geht schnell, erzählt Robin Frank. Das ist wichtig, denn bei ihm und seinen Kollegen gibt es keine Feiertage, keinen Urlaub.
Um Mitternacht erfreuen sich die jüngeren Zirkusfamilienmitglieder natürlich am Feuerwerk. Er selbst sei dafür schon zu alt, scherzt der 27-Jährige. An einem Aberglauben aus seiner Kindheit hält er allerdings noch immer fest: Punkt 0 Uhr bekommen alle Zirkustiere ein Stück Salzbrot. „Mein Opa hat mir immer erzählt, dass die Pferde dann anfangen zu sprechen“, erinnert er sich. Nach dieser Legende habe ein Landwirt genau das gemacht, sich nachts im Stall versteckt und die Tiere belauscht. „Ob sie es wirklich machen, wissen wir nicht, wir belauschen unsere Tiere nicht“, sagt er und weiß deshalb auch nicht, ob die Legende auch auf Kamele zutrifft. „Aber gleiches Recht für alle: Jedes Tier kriegt Salzbrot.“
Sie bekommen auch jedes Jahr einen Weihachtsbaum in den Stall gestellt. „Ich bin sehr abergläubisch“, gibt Frank zu. In diesem Jahr ist der Baum bereits Geschichte: Die Kamele haben ihn gefressen. Kulinarisch außergewöhnlich geht es jeden Abend im Stall zu: Gequetschte Gerste, Melassenkleie und Zuckerrübenschnitzel stehen auf dem Speiseplan der Tiere. „Sie müssen sich stärken, denn sie leisten ja auch etwas“, erklärt Frank, der als Clown in der Show auftritt.
Doch ob gesättigt durch Weihnachtsbaum, Gemüseschnitzel oder Salzbrot – das Silvestergeknalle ist für Tiere natürlich immer eine Herausforderung. Beruhigungsmittel muss er bei den fast 60 Tieren – darunter 13 Kamele, 15 Pferde und Ponys, Lamas, Alpakas, Ziegen, Schafe und Kühe – nicht anwenden. „Wenn mal Tiere nervös sind, hilft es, reinzugehen, ruhig auf sie einzureden, sie zu streicheln und zu beruhigen – dann fahren sie richtig runter“, erklärt er.
Das sei aber selbst Silvester in der Regel nicht nötig, denn sie seien Lautstärke gewöhnt: Musik in der Show, außerdem das Trampeln, Pfeifen, Klatschen der Besucher. Fast alle Tiere des Circus Henry wurden im Zirkus geboren und kennen nichts anderes. „Das ist wie bei Polizeipferden. Sie gewöhnen sich an die Lautstärke und haben keine Angst“, beschreibt er. Trotzdem sind er und eine weitere Person ab 0 Uhr immer im Stall. Solange keine Rakete im Zelt der Tiere landet, sei aber alles in Ordnung.
Egal, wie spät es heute Nacht wird: Auch am 1. Januar beginnt die Arbeit im Stall um 7 Uhr. Dann wird ausgemistet, die Tiere bekommen Wasser und Heu, werden geputzt, bekommen Zöpfe geflochten und um 16 Uhr beginnt die nächste Vorstellung. Neujahr ist also für die gesamte Zirkusfamilie nicht gerade ein entspannter Tag. Und während andere Kinder noch Weihnachtsferien haben, bereiten sich die Zirkuskinder – die entweder im jeweiligen Ort die Schule besuchen oder Fernunterricht bekommen – schon wieder die nächste Vorstellung vor. So wie die 13-jährige Kautschuk-Akrobatin Alicia.
Heute Vorstellungsbeginn 19 Uhr, danach noch bis 6. Januar täglich 16 Uhr. Platz an der Berliner Chausee, neben dem SMC