Auch draußen an der frischen Luft wird exakt auf die Abstände zueinander geachtet, schließlich sind die Kinder, Jugendlichen und Männer des zur Zeit 53 Stimmen zählenden Knabenchores der Singakademie froh, dass sie überhaupt wieder gemeinsam singen dürfen. Zu ihrem Repertoire gehören Stücke wie das Requiem von Brahms, das Weihnachtsoratorium von Bach, aber auch Volkslieder und Spirituals.
Der 16-jährige Dominik Vorwerk ist einer von ihnen und im eher späten Alter von 14 Jahren zum Chor gestoßen. "Ich habe meine Freunde damals immer gefragt, ob wir etwas zusammen unternehmen wollen, aber die meinten immer, sie hätten Chorprobe", erinnert er sich lachend. "Da wollte ich mir das auch mal anschauen."
Offensichtlich hat es dem Azubi zum technischen Modellbauer sehr gut gefallen, schließlich singt er immer noch mit. "Ich habe das in den Monaten, wo keine Probe war, schon vermisst", sagt der junge Mann. Er hofft, dass auch bald wieder Konzerte möglich sind. "Das ist ja das Ziel der Proben", sagt Chorleiter Martin Kondziella, der den Chor im Januar 2019 übernommen hat und damit Jürgen Hintze ablöste.
"Für so einen Knabenchor kann ein längeres Aussetzen wirklich zu einem existenziellen Problem werden", sagt der studierte Kirchenmusiker und Pianist aus Berlin. Dann habe man auf einmal zu wenige Sopranstimmen, weil diese sich im Stimmbruch befinden, erklärt er. Um das herauszuhören, aber auch damit die Chormitglieder das Gefühl für die Musik behalten, hat er während der letzten Monate, als keine Proben möglich waren, mit den Sängern telefoniert und auch per Telefon zusammen gesungen. Freilich ist die Karriere im Knabenchor mit dem Stimmwechsel nicht vorbei. Während des Stimmbruchs bekommen die Kinder auch mal andere Aufgaben, können aber, wenn auch vorsichtiger, mitsingen. Danach singen sie mit ihren Männerstimmen weiter.
"Für die nächsten Veranstaltungen wird erstmal so geplant, als ob sie stattfinden könnten", so Martin Kondziella. Schließlich brauchen die Chormitglieder ein Ziel. Der Chor sei eine sehr sinnvolle Freizeitbeschäftigung, sagt der Leier, der in Berlin noch zwei weitere Chöre dirigiert. Im Moment sei es allerdings ziemlich schwer, um Nachwuchs zu werben, da man nicht in die Schulen dürfe. Normalerweise werbe der Knabenchor nach der Einschulung um Erstklässler. Jedes Kind, das Lust hat, kann gern freitags um 16 Uhr in der Konzerthalle vorbeikommen. "Wir schicken keinen weg", sagt der Chorleiter.
"Es ist wissenschaftlich bewiesen, das nur fünf Prozent der Bevölkerung wirklich nicht singen kann", sagt er. Die Mehrheit könne es durch Üben erlernen. Eigentlich gehört auch ein Sommerchorlager zum Programm des Knabenchors. Das ist natürlich – wie auch andere Veranstaltungen und Reisen – dem Virus zum Opfer gefallen. Jeder probt zweimal die Woche. Neben dem gemeinsamen Singen am Freitag, gibt es noch einen Termin mit individuellen Proben.

Liebe zur Musik als Ziel

Trotz allem hat Martin Kondziella nicht sein Ziel aus den Augen verloren. Die Liebe zur Musik bei den Kindern wecken – das sei eine schöne Aufgabe, findet er. "Wenn sie nach der Probe beim Noten einpacken leise weitersingen, ist das ein schönes Gefühl", so der Leiter.
Außerdem, so Arijen Schuster, sei man auch mit einigen anderen Jungen aus dem Knabenchor befreundet, die man nur bei den Proben sieht. Der 9-Jährige ist seit zwei Jahren Chormitglied und hat eben diese Kumpels bis zum Probenbeginn vor zwei Wochen schon vermisst. "Natürlich auch das Singen", schiebt er nach. Zumindest kann nun wieder gemeinsam gesungen werden. Im Atrium der Konzerthalle ging das in den letzten zwei Wochen gut. Wie es allerdings in der kälteren Jahreszeit weitergeht, weiß noch keiner. Noch einmal Stillstand will niemand.