Mit dem Brief verabschiedet er sich von der Pflegekraft, die ihn betreut hat. Die meisten Klienten haben zum Ende des Monats eine Kündigung erhalten, der Pflegedienst schließt aus wirtschaftlichen Gründen.
Nachdem der Stadtbote darüber berichtet hatte, meldeten sich mehrere bisherige Mitarbeiter. "Da ist ganz viel schief gegangen", sagt die 59-jährige Ilona Lüpke. "Ich dachte, ich bleibe bis zur Rente hier." Dass die Stadt nun sagt, der Pflegedienst sei vor zweieinhalb Jahren testweise gestartet, macht sie fassungslos.
Auch ihre Kollegen schütteln darüber den Kopf. Da einige noch weiterhin bei der gGmbH beschäftigt sein werden, wollen nicht alle ihren Namen nennen. Eingestellt, da sind sie sich einig, wurde jedoch ohne den Hinweis auf einen testweisen Betrieb und nach entsprechender Probezeit mit unbefristeten Verträgen.

Zwei Wochen Quarantäne wegen Corona

Eine, die ihren Namen sagt, ist Martina Nowak. Sie und die andere polnische Kollegin seien am Anfang der Corona-Pandemie für zwei Wochen in Polen in Quarantäne gewesen. Danach hätten sie sich jedoch eine Unterkunft in Frankfurt gesucht und die folgenden fünf Wochen weiterhin gearbeitet. Der MOZ gegenüber hatten Geschäftsführung und Stadt gesagt, die polnischen Mitarbeiterinnen hätten sieben Wochen gar nicht arbeiten können.
Auch mit der Darstellung der familiären Verhältnisse sind die Mitarbeiterinnen nicht zufrieden. Eine Kollegin habe am Anfang der Pandemie Anspruch auf Betreuung für ihr Kind bekommen. Die meisten anderen Kinder seien bereits volljährig oder alt genug, um auch alleine zu Hause bleiben zu können. Arbeitsausfall wegen Kinderbetreuung während der Corona-Schließzeiten können die Mitarbeiter nicht bestätigen.
Sie hätten in der Zeit, seit der Pflegedienst seine Arbeit aufgenommen hatte, immer wieder auf Werbung gedrängt, aber kein Gehör gefunden. Kurz vor dem 25. Juni sei dann die Verteilung von Flyern auf einmal in den Fokus gerückt– als es im Prinzip schon zu spät war. Es tagte der Aufsichtsrat, am nächsten Tag sei den Mitarbeitern das Aus verkündet worden. In der Woche darauf bekamen die Klienten Kündigungen. "Ich soll von ihnen sagen: Das ist typisch Stadt und sie sind sehr enttäuscht", bringt Ilona Lüpke von ihren letzten Besuchen mit. Wolfgang Welenga, der für seine Mutter noch nach einer neuen ambulanten Pflege sucht – in den Ortsteilen ist das schwieriger – fragt: "Ist es nicht an der Zeit, dass sich der Aufsichtsrat mit dem Gesundheitsausschuss nochmal mit dem Thema befasst und den Beschluss überdenkt?"
Man habe kein Verständnis für die Abwicklung so Hals über Kopf inmitten der Pandemie und in der Sommerpause, sagt auch Stefan Kunath, Kreisvorsitzender der Frankfurter Linken. "Die Geschäftsführung hat den Pflegekräften Sand in die Augen gestreut und ihnen falsche Hoffnungen über ihre berufliche Perspektive gemacht. Pflegekräfte sind systemrelevant und solch einen Umgang haben sie nicht verdient. Dieses Handeln ist unsäglich, unangemessen und unsozial." Andere Pflegedienste könnten nicht in jedem Fall den individuellen Pflegebedarf abdecken und "können sich vor Aufträgen kaum retten".

Kooperationsidee ging nicht auf

Aus der Stadt heißt es, dass die Mitbewerber wenig erfreut waren, als der ambulante Pflegedienst 2018 aus der Taufe gehoben wurde. Denn die Kommune griff damit in einen von privaten Dienstleistern dominierten Markt ein. Ein Gedanke hinter der Gründung war eine Kooperation mit der Wowi in der Wollenweberstraße. Doch statt betagter Senioren zogen vor allem junge Familien in die barrierefreien Wohnungen. Die Idee der kommunal organisierten Pflege in kommunalen Wohnungen ging nicht auf.
Alternativ im Seniorenhaus der gGmbH zu arbeiten, käme für Ilona Lüpke nicht in Frage. "Das ist schwere Arbeit, das schafft mein Rücken nicht." Die häusliche Arbeit mache auch mehr Spaß, man habe einen engeren Bezug zu den Menschen. Sie fängt bei einem anderen Träger in der ambulanten Pflege an.