Unter der nicht gerade große Aufmerksamkeit erheischenden Überschrift „Beschlüssen auf der Spur“ berichtete der „Neue Tag“ am 10. Juni 1977 vom neu aufgelegten Turmblasen vom Turm der Marienkirche. Das nächste Turmblasen würde, so im Artikel, morgen um 8.30 Uhr stattfinden.  Da damit die alte Tradition der Stadtpfeifer oder Turmbläser wieder zum Leben erweckt werden sollte, dachten wir uns im Stadtarchiv, dass dieser Moment mit einigen Fotografien im Archiv überliefert werden müsste. 

Im Turm der Marienkirche spielten zehn Musiker

Ich begab mich also in der Frühe des nächsten Tages, es war ein Sonnabend, zur Marienkirche, wo oben im Turm zehn Musiker des damaligen Philharmonischen Orchesters des Kleist-Theaters musizierten. Da aber von unten die Musiker nicht so richtig zu sehen waren und das Stadtarchiv damals kein Teleobjektiv besaß, stieg ich nach dem Ende des Konzertes zu den Musikern in den Turm hoch.
Oben angelangt waren nur noch die Hornisten Volker Reinhold, Horst Goletz, Hans-Günther Gerber, Hermann Konzack und Jochen Stein von der Abteilung Kultur des Rates der Stadt da.  Die vier Musiker ließen sich nicht lange bitten und spielten für die Aufnahme extra ein Lied.  So kam das Archiv zu der Aufnahme, die heute hier veröffentlicht wird.
Wenn auch das Ergebnis fototechnisch nicht so berauschend ist – in Hektik, dann noch hantierend mit einem Belichtungsmesser und gegen einen hellen Hintergrund fotografiert - dokumentiert die am 11. Juni 1977, gegen 11 Uhr, aufgenommene Fotografie den Beginn einer lang andauernden musikalische Veranstaltungsreihe in Frankfurt (Oder).

Ausbau für „allgemein gesellschaftliche Zwecke“ geplant

Zu der Zeit stand das Langhaus der Marienkirche noch ohne Dach da, innen wuchsen Sträucher und kleine Bäume. Seit dem Beschluss des Rates der Stadt vom Februar 1974 und dem danach zwischen der Stadt und der Evangelischen Kirchengemeinde abgeschlossenen Pachtvertrag war der Erhalt der Marienkirche gesichert und ihr Ausbau für „allgemein gesellschaftliche Zwecke“ geplant. Zuerst sollte es die neue Heimstatt für die Bezirksbibliothek und einen Zentralen Jugendclub werden. Das ohne Dach zur Restaurierung geplante Langhaus war als Raum für Ausstellungen vorgesehen.
Als Volker Reinhold, damals Stellvertretender Solohornist des Philharmonischen Orchesters, mitbekam, dass der Turm der Marienkirche wieder betretbar war, wandte er sich an den Stadtrat für Kultur Wilfried Pröger. Er schlug ihm vor, dass drei Trompeter, drei Posaunisten und vier Hornisten in einer festen Konzertreihe von jeweils einer Stunde vom Turm der Marienkirche alte und neue Turmmusiken – Lieder alter Meister, Volkslieder und festliche Musik – darbieten könnten.

Bezahlung aus der Reserve

Der Kulturstadtrat war begeistert und schon am 20. April 1977, nur zehn Tage nachdem er den Vorschlag erhalten hatte, beschloss der Rat der Stadt die neue Konzertreihe. Aus der Haushaltsreserve wurden dafür 10.500 Mark für 1977 bereitgestellt. Danach sollte jeder Musiker für einen Auftritt und zwei Proben 75 Mark brutto erhalten. Die Mittel für 1978 hatte laut Beschluss die Abteilung Kultur in den neuen Haushaltsplan aufzunehmen.
So begannen am 30. Mai 1977 die vier Hornisten gemeinsam mit den Trompetern Jochen Stachowiak, Adolf Müller, Walter Bandow und den Posaunisten Siegfried Nehrlich, Erich Ewald und Fritz Krusche mit dem ersten Konzert hoch oben im Turm. Sie spielten 16 Stücke, darunter Volkslieder, eine Turmmusik von Samuel Scheidt aus dem frühen 17. Jahrhundert und eine anonyme Festmusik aus dem 16. Jahrhundert – letztere wurde in der Folgezeit immer am Anfang und Ende jeden Auftritts als eine Art Erkennungsmelodie gegeben.

Flasche Schnaps gegen Höhenangst

Der erste Auftritt wurde sorgfältig vorbereitet, nicht nur vom musikalischen Programm her. Für einen Hornisten, der anfänglich Höhenangst hatte, nahm Volker Reinhold „in weiser Voraussicht“ eine Flasche Schnaps mit, und, wie er sich später erinnerte, „war dies gut so“. Das Konzert lief gut, da bekamen sie auf einmal Besuch von zwei Volkspolizisten. Die in ihrem Spiel unterbrochenen Musiker mussten erklären, wer sie sind und dass sie keinen Unfug trieben. Nachdem Jochen Stein, der für die Marienkirche verantwortliche Mitarbeiter des Rates der Stadt, die Situation geklärt hatte – schließlich lag hier ein Beschluss des Rates der Stadt vor und man hatte ein Schreiben des Stadtrats dabei - wurde das Konzert erfolgreich zu Ende gebracht.
Zu ihren Turmmusiken, die ab 4. Juni immer Sonnabendvormittag und ab August jeweils am Sonntag zwischen 16 und 17 Uhr gegeben wurden, fanden sich immer mehr Menschen ein. Die seit 1978 in nachgeschneiderten historischen Gewändern gekleideten „Frankfurter Turmbläser“ boten dem Publikum immer wieder neue Lieder – seit 1978 auch einen eigenen „Marsch der Turmbläser“, europäische Weihnachtslieder und Weihnachtslieder nach Sätzen des Frankfurter Kantors Bartholomäus Gesius. 
Ab Mitte der 1980er Jahre setzten die Musiker ihre Turmmusiken vom Rathausturm fort. Sie spielten auf der 1977 rekonstruierten und mit einem kunstvollen Gitter umgebenen Plattform. Schon Jahrhunderten zuvor wurde hier, auf dem „mit einem Eisernen gegitterten Gang … die gewöhnliche Stat-Musicke gehalten“.  Nachdem der Rathausturm von Tauben okkupiert war, musizierten sie vom Balkon des Rathauses weiter, zuletzt aus Kostengründen nur noch mit fünf Bläsern.

Mit Fritz Krause auf dem Balkon

Die letzte Veranstaltung eines jeden Jahres war das Neujahrskonzert. Wenn sie dann um 12 Uhr auf dem Rathausbalkon mit ihrem Neujahrskonzert begannen, kam oft der damalige OB Fritz Krause hinzu, der mit dem Konzert den Frankfurtern dankte.
Etwa 200-mal haben die „Frankfurter Turmbläser“ von den Türmen oder dem Rathausbalkon gespielt. Bald nach 1990 endeten diese Turmkonzerte. Als sich Volker Reinhold 1991 nach neuen Möglichkeiten für sein Ensemble im Rathaus erkundigte, wurde ihm gesagt, sie können gern, so oft sie wollen, vom Turm blasen – nur Geld war jetzt, anders als zu DDR-Zeit, nicht mehr vorhanden. Die Zeit der knappen Kassen war gekommen.  Das letzte Konzert der auch bei Fest- und Weihnachtsveranstaltungen und Volksfesten auftretenden Turmbläser fand im Dezember 1997 beim Richtfest der Marienkirche statt.

Turmmusik diente einst dem Erhalt der Stadt

Volker Reinhold und seine Bläserkollegen haben mit ihren Auftritten seit 1977 eine eigene Tradition begründet, die 20 Jahre andauerte. Sie griffen eine alte Tradition auf, über die im nächsten Beitrag unserer MOZ-Reihe berichtet werden soll. Die Tätigkeit der Stadtpfeifer und ihre Turmmusik in den früheren Jahrhunderten diente nicht nur der kulturellen Bereicherung, sie war auch einst eine bittere Notwendigkeit für den Erhalt der Stadt.