In Leggins und T-Shirt wirkt Sara H. als würde sie gleich die nächste Runde Volleyball anpfeifen. Der orange Anstecker mit dem Ausrufezeichen an ihrer Weste, dem Zeichen des Lehrerstreiks, verrät, dass etwas anders ist. Normalerweise ist Sara H. auf dem Sprung, anders könnte sie auch kaum überleben.
Der Streik gibt auch etwas Zeit auf den Treppenstufen ihrer Grundschule sitzend aus ihrem Alltag zu erzählen – ohne Nennung des vollen Namens, denn, trotz des gemeinsamen Protests, sehe die Schulleitung nicht gerne, dass jemand Interviews gibt, sagt sie. H. bangt ein wenig um ihren Job.
Morgens um acht beginnt Sara H. ihren Arbeitstag in der Schule, nach 16 Uhr radelt sie zum Kindergarten Nr. 4. Dort gibt es ein Schwimmbad, wo sie ihrem Zweitjob als Schwimmlehrerin und Bademeisterin nachgeht. Drei Mal die Woche arbeitet sie auch morgens vor der Schule im Schwimmbad, dann zur dritten Stunde um zehn geht es in die Schule. Feierabend ist um 19.30 Uhr. "Freitags geb ich noch Unterricht im Frankfurter Hallenbad, für ein paar polnische Kinder."
Am Wochenende fährt Sara H. nach Zielona Góra, mit Mitfahrgelegenheit. Dort besucht sie ihre Mutter und widmet sich ihrem Fernstudium: Biologie. Mit nur einem Unterrichtsfach wie Sport hat man in Polen schlechte Karten, Stellen sind rar. Das war auch der Grund, warum Sara H. vor fünf Jahren nach Słubice zog – für eine Teilzeitstelle mit 800 Złoty netto (187 Euro). In der Grenzstadt mit ihren horrenden Mieten kam sie im Studentenwohnheim unter.
Inzwischen arbeitet Sara H. in der Schule Vollzeit und hat die nächsthöhere Tarifstufe erreicht. "1800 Złoty kriege ich raus", sagt sie – umgerechnet 421 Euro. Die gibt sie komplett aus: 250 Złoty Studiengebühren, 1200 Złoty Miete. Und die ist noch gering, denn als Lehrerin wohnt sie vergünstigt im Doktorandenwohnheim der Universität Posen in einer Zweizimmerwohnung. "Normal wäre die Miete 1800 – soviel wie mein Gehalt", sagt sie. "In Słubice verdient heute kaum jemand so wenig wie unsere Lehrer", gab Vizelandrat Robert Włodek auf einer Solidaritätskundgebung am Dienstag zu Bedenken. Selbst hat Włodek den Lehrerberuf aufgegeben, aus finanziellen Gründen.
Einziger Vorteil: Lehrer in Vollzeit geben in Polen nur 18 Unterrichtsstunden pro Woche. Für Vor- und Nachbereitung wende sie kaum Zeit auf, sagt Sarah H.. So bleibt ihr Zeit für die privaten Schwimmstunden, die ihr 1000 Złoty einbringen. Dennoch: Insgesamt kommt sie auf kaum 650 Euro monatlich – in Frankfurt ein Hartz IV-Satz.
Das nächste Problem: Sara H. muss Ende Juni ausziehen, ihr Wohnheim soll verkauft werden. Die Mieten des freien Markts kann sie sich aber nicht leisten. Sie sei schon beim Bürgermeister gewesen.
Was wäre ein "würdiger Lohn"? "4000 Złoty", sagt Sarah H. ohne zögern. "Dann könnte ich mir mal neue Schuhe kaufen. Oder ein neues Rad. Vielleicht auch ein Auto." 1000 Złoty mehr, wie es ihre Gewerkschaft fordert – das wäre auch ein Fortschritt, findet Sara H. Streiken ist nicht nur psychisch anstrengend, auch finanziell. Für Streiktage – inzwischen sind es neun – wird kein Gehalt ausgezahlt. "Vielleicht borge ich mir noch Geld von meiner Familie", sagt Sara H..

Streik von Lehrenden und Erziehenden in Polen


Seit dem 8. April haben Kinder in Polen wegen des Streiks schulfrei, in Słubice wird in 19 Einrichtungen gestreikt. Regierung und Gewerkschaften setzen sich heute erstmals wieder an den Verhandlungstisch. Gefordert werden deutliche Lohnerhöhungen und frühere Aufstiegsmöglichkeiten. Nach mehr als 20 Berufsjahren verdient ein Lehrer umgerechnet 700 Euro. Überall im Land finden Solidaritätsaktionen statt, auch in Słubice kamen am Dienstag knapp 200 Menschen zusammen. Ein Streikfonds wurde eingerichtet, um Lehrern für den Gehaltsausfall an Streiktagen Geld zu zahlen. Am Dienstag waren mehr als 6 Millionen Złoty Spenden zusammengekommen. nmw