Seit Jahren macht die FWA auf hohe Sulfatwerte in der Spree aufmerksam. Grund für die Belastung mit den Salzen der Schwefelsäure ist der Braunkohleabbau in der Lausitz. Über den Abraum gelangen die Sulfate in den Fluss. Aus Frankfurter Sicht scheint die Lausitz zwar weit weg. Die FWA allerdings reichert für das Trinkwasser in Frankfurt, Müllrose, Jacobsdorf und Biegen Grundwasser im Wasserwerk Briesen mit Spreewasser an. Am Pegel Briesen wurde der Emissionsrichtwert von 280 Milligramm je Liter zuletzt fast ganzjährig überschritten. Und daran dürfte sich laut einer vom Landesbergbauamt in Auftrag gegebenen Sulfatprognose auch absehbar nichts ändern.
Den Sulfatwert im Trinkwasser hat die FWA durch zielgerichtetes Grundwassermanagement in den vergangenen drei Jahren trotzdem auf knapp über 200 Milligramm je Liter einpegeln können - 250 Milligramm sind gesetzlich maximal erlaubt. Zu viel Sulfat gibt Wasser einen bitteren Geschmack und kann bei Kleinkindern und Senioren zu Durchfallerscheinungen führen.
Doch die Sulfatbelastung in der Spree und damit ebenso im Trinkwasser könnten weiter zunehmen. Der Energieversorger Leag hat die vorzeitige Flutung des früheren Braunkohletagebaus Cottbus-Nord ab Herbst 2018 beantragt - der Ostsee wird der größte im Lausitzer Tagebauseengebiet. Der künstliche See schwemmt aber auch mehr Sulfat in die Spree. Um die Flutung überhaupt genehmigen zu können, plant das Land nach FWA-Angaben eine Anhebung des Emissionsrichtwertes bei Briesen auf 350 Milligramm je Liter.
Kurt Augustin, Leiter der Abteilung Wasser und Boden im Landesumweltministerium, dementiert. "Das Verfahren für die wasserrechtliche Erlaubnis ist noch gar nicht abgeschlossen", erklärt er. Die 350 Milligramm Sulfat bezeichnen demnach lediglich den Maximalwert, der es der FWA erlaubt, Spreewasser mit Grundwasser zu mischen, ohne den Grenzwert für das Trinkwasser von 250 Milligramm pro Liter zu überschreiten.
Der Frankfurter Wasserversorger will trotzdem weg vom Spreewasser. Bereits 2014 erarbeitete der Wasserversorger dazu ein Konzept. Es sieht als kurzfristige Lösung die Ertüchtigung des früheren Betriebswasserwerkes in Müllrose vor. Die Sanierung kostet zirka 7 Millionen Euro, wofür die FWA nicht selbst aufkommen möchte. Stattdessen sollen sich die Verursacher der Spreeverschmutzung beteiligen - der Energieversorger Leag, der zum Bund gehörende Bergbausanierer LMBV und das Land. Aber eine Einigung scheiterte bislang.
Nun zieht die FWA die Notbremse. Am Montag kam der Aufsichtsrat zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen. Im Ergebnis beauftragte das Gremium Geschäftsführer Gerd Weber, im Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht einen Stopp der vorzeitigen Flutung des Ostsees beim Verwaltungsgericht zu beantragen. "Darüber hinaus wurde der unmittelbare Beginn der Maßnahme Ertüchtigung Wasserwerk Müllrose beschlossen und die finanziellen Mittel für die Entwurfs- und Genehmigungsplanung bewilligt", heißt es in einer Pressemitteilung der FWA. Und weiter: "Die Realisierung wird als alternativlos angesehen, um die Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser zu sichern und gesundheitliche Gefährdungen auszuschließen." Die Investitionen dürften sich dann - ohne finanzielle Förderung - auch auf die Wasserpreise niederschlagen.
Aus Sicht von Kurt Augustin vom Landesumweltministerium stellt sich die Situation weit weniger dramatisch dar. "Die Forderung ist einfach nicht unterlegt. Bis heute hat die FWA nicht einmal den Grenzwert nicht einhalten können." Es sei auch keine dramatische Erhöhung der Werte abzusehen, wie die Sulfatprognose zeige. "Sollten sich die Werte dennoch verschlechtern, können wir über Wassermanagement der Spree dagegensteuern", erklärt Kurt Augustin.
Vertreter der Bündnisgrünen und von Umweltverbänden empörten sich am Dienstag über die Entwicklung in Frankfurt. "Die Befürchtungen der letzten Jahre haben sich bestätigt: Der Braunkohletagebau führt zu ernsten Problemen bei der Trinkwasserversorgung", erklärte René Schuster von der Grünen Liga. Die Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock hält es für einen "Skandal, dass sich die LMBV davor drückt, einen fairen Kostenanteil zur Ertüchtigung des Wasserwerkes Müllrose zu übernehmen". Ähnlich äußerte sich Jörg Gleisenstein von den Frankfurter Bündnisgrünen. "Anstatt die Sulfatbelastung der Spree als Bergschaden anzuerkennen und Mittel zur Gefahrenabwehr für den Trinkwasserversorger FWA zur Verfügung zu stellen, wird getrickst und auf Zeit gespielt", kritisiert er. Die rechtlichen Schritte seien nur folgerichtig. "Dieses Vorgehen muss auch die einhellige Unterstützung durch die Stadtpolitik erhalten."