Nach jenem Konzept musste Ullrich tief kramen, es stammt aus einem anderen Zeitalter, vom 26.6.2003. Es fußt auf der "Erklärung von Barcelona", in der es um das Recht auf Teilhabe von Menschen mit Behinderungen geht. Frankfurt sei der Erklärung damals formell nicht beigetreten. "Dafür hätte ein spanisches Formular ausgefüllt werden müssen", sagt Jens-Marcel Ullrich. Aber inspiriert von Barcelona entstand damals ein Konzept, um in Frankfurt mehr Barrierefreiheit zu schaffen. Zu finden sind darin Punkte wie: die deutliche Ausschilderung der Wege in Objekten der Stadt, umzubauende Bordsteine, akustische Signalampeln, die Bildung von Arbeitsgruppen zum Thema. Einmal im Jahr sollte berichtet werden, passiert ist es nur einmal, 2004.
Getan hat sich trotzdem etwas, Ullrich nennt den Umbau dreier Schulen zu Inklusionsschulen, die gerade stattfindende Anpassung des Gauß-Gymnasiums auf die Bedürfnisse einer Schülerin im Rollstuhl. Das Papier von damals hält Ullrich jedoch für keine gute Grundlage, um die Barrierefreiheit zu messen. Die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 hat die Erklärung von Barcelona als Orientierung abgelöst. Barrierefreiheit sei heute ein breit verankertes Thema, so Ullrich. Es stecke in Bauvorschriften, in Vorlagen mit Bezug zum Integrierten Stadtentwicklungskonzept. "Ein Konzept zu Barrierefreiheit halte ich für entbehrlich", so der Sozialdezernent. Man wolle das Selbstverständliche nicht in den Vordergrund rücken, sondern es überall mitdenken. Jens-Marcel Ullrich macht aber auch keinen Hehl daraus, dass Frankfurt kein Vorreiter ist in Sachen Barrierefreiheit – er gibt Frankfurt die Schulnote 4 – und dass jetzt nach Corona und in Zeiten der Haushaltssperre kein guter Moment für Prioritäten in diesem Bereich sei. Weil der Stadt die Mittel fehlen. Ullrich sieht aber bei dem Thema nicht nur Baumaßnahmen. Im Unterschied zu 2003 gehe es heute auch um Sprachbarrieren, um die Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund, worauf etwa die Integrationsbeauftragte hinwies. Ullrich hat nämlich alle Stellen der Verwaltung gebeten, ihre "Baustellen" in Bezug auf Barrierefreiheit aufzulisten. Im Sozialausschuss möchte er nach der Sommerpause das Thema zum Beratungsschwerpunkt machen.

Behindertenbeirat auf Wunsch

Auf mindestens einen Punkt aus dem 2003 beschlossenen Konzept wird die CDU sicherlich zurückkommen: "Die Stadt Frankfurt richtet eine Behindertenvertretung ein, die Behindertenorganisationen vor Ort repräsentiert und als Ansprechpartner für Politik und Verwaltung dient". Ein solches Gremium existiert seit Jahren in Frankfurt nicht, wie der Barrierefreiheitsaktivist Gerd Stowczynski kritisiert. Die Gleichstellungs- und Behindertenbeauftragte Isabell von Dechend sagte im Januar im Ausschuss, sie halte ein solches Gremium für "nicht nötig". "Ich würde die Bildung eines Behindertenbeirats befördern. Wenn der Wunsch besteht", so Jens-Marcel Ullrich.