"Weil psychische Erkrankungen zunehmen, rufen vermehrt Leute an, die an Verfolgungswahn leiden oder an Verschwörungstheorien glauben", erklärt Ulrich M. Falkenhagen. Die Anrufer fühlten sich wie in einer Falle, so der Leiter der Kirchlichen Telefonseelsorge für Frankfurt (Oder). Seien es vor der Pandemie "irgendwelche Mächte gewesen", so glaubten einige nun an konkrete Theorien oder personifizierte Feindbilder.
Nun beginnt die Arbeit der Telefonseelsorger: Nicht die Theorien und Ängste bestätigen, sondern dem Anrufer helfen, Verständnis für seine Befürchtungen äußern und ihn begleiten. "Gehen Sie noch aus dem Haus?" "Nehmen Sie an Anti-Hygiene-Demos teil?" können dann Fragen sein, die dem Hilfesuchenden gestellt werden. Um dann gemeinsam Lösungsansätze, Hilfsmöglichkeiten zu finden. "Mehr Gespräche durch die Coronakrise haben wir nicht", sagt Falkenhagen. Denn es gebe nicht plötzlich mehr Mitarbeiter oder Telefonleitungen, wie in Berlin, wo sich ehemalige Ehrenamtliche der kirchlichen Telefonseelsorge wieder zurückmeldeten, plus eine zweite und dritte Leitung für den Bereich. 2300 Telefonate gab es seit Januar, 120 mehr als in 2019. Dabei werden  Angst (19 Prozent), depressive Stimmungen (18 Prozent) sowie Ärger und Stress als häufigste Gründe angegeben, um die 0800er-Nummer zu wählen.
"Corona wird in den vergangenen Monaten nicht als Hauptgrund genannt. Es kommt aber durch andere Themen zur Sprache", sagt der Seelsorger – zum Beispiel als Ärger über die Einschränkungen im öffentlichen und privaten Leben. Oder Stress zu Hause, da man nun Homeoffice und -schooling unter einen Hut bringen muss – den meistens Frauen aufhaben. "Den Alltag mit Kindern wochenlang daheim zu organisieren, erzeugt bei vielen Müttern Stress und Druck", erläutert Falkenhagen. So liegt mit 51 Prozent der weibliche Anteil bei den Anrufern deutlich vor den männlichen, mit 30 Prozent. Beim restlichen Teil konnte das Geschlecht nicht bestimmt werden, da beispielsweise zu früh aufgelegt wurde.
In der Oderstadt nehmen schichtweise 30 Mitarbeiter  auf einer Leitung 24 Stunden Anrufe entgegen. Weitere  Standorte der kirchlichen Telefonseelsorge gibt es in Berlin, Potsdam und Cottbus. In der drei- bis fünfstündigen Schicht werden die Telefonseelsorger auch verstärkt mit Suizidversuchen konfrontiert. 64 solch telefonischer Ankündigungen gab es seit Januar, 53 waren es im Vorjahreszeitraum. "Vor zehn Jahren waren es zwei Prozent der gesamten Anrufer, nun sind es sechs", sagt Falkenhagen mit Sorge.

Mitarbeitern fehlt Supervision

Ist die Einhaltung der Abstandsregeln bei den Ein-Schicht-Systemen kein Problem, fehlt vielen Telefonseelsorgern die Aufarbeitung der Gespräche in einer Supervision. "Die Gruppen-Videotelefonate waren eher mühselig und eignen sich nicht für persönliche Befindlichkeiten", meint Falkenhagen. Ebenso mussten Fort- und Ausbildungen verschoben werden.
Generelle Verängstigungen, Arbeitsplatzverluste oder Existenz-Kämpfe – einen "langen Rattenschwanz" wegen der Coronakrise befürchtet der Seelsorger für die nächsten Monate und Jahre. "Deshalb brauchen wir unbedingt mehr ehrenamtliche Mitarbeiter", erklärt Falkenhagen.
Weitere Infos der kirchlichen Telefonseelsorge Berlin/Brandenburg unter www.ktsbb.de, Tel. 0800 1110-111/222