Rosafarbene gehörnte Teufelchen, geflügelte Dämonen in Giftgrün oder gleich Satan höchstpersönlich. Der Antichrist im Endgerichtfenster der Marienkirche wird bei seinem Versuch die Menschheit zu verführen von apokalyptischen Wesen begleitet.
Wegen der prominenten Darstellung der Widersacher Gottes wurde Wolfgang Töppen von manch einem Besucher der Marienkirche schon gefragt, ob hinter der Darstellung nicht Religionskritik stecke. "Der Bilderzyklus ist keineswegs als Abkehr von der christlichen Lehre zu verstehen", erklärt der Pfarrer im Ruhestand die Botschaft der mittelalterlichen Glasmalerei. "Sondern als eindringliche Mahnung, das eigene Leben verantwortungsvoll zu führen."
Das gotische Bleiglasfenster, das zwischen 1360 und 1370 für die Marienkirche angefertigt wurde, ist über elf Meter hoch. Zusammen mit dem danebenliegenden Schöpfungs- und Christusfenster ergibt sich eine präzise durchdachte Gesamtkomposition. In einer Art Bilderbibel, die für das analphabetische Volk gedacht war, erzählen die Glasmalereien die Schöpfungsgeschichte der Welt, das Leben von Adam und Eva, den Bau der Arche Noah, das Leben Christi und, im südöstlichen Endgerichtfenster, die Antichrist-Legende.
In 36 Szenen - eine in diesem Umfang einzigartige Darstellung in der Kunstgeschichte - wird das Leben und die Vernichtung des Antichrist als Gegenspieler Jesu Christi bis zum Weltenbrand gezeigt. Die ungewöhnliche Thematik auf dem Frankfurter Fenster geht auf den fränkischen Abt Adso von Montier-en-Der aus dem zehnten Jahrhundert zurück. Adso beschrieb die Lebensgeschichte des Antichrist in 15 Station.
Vom Teufel gezeugt und in Babylon geboren, zieht er als Wanderprediger und Wundertäter nach Jerusalem und erklärt sich wie Christus zum Gottessohn. Die Menschen besticht er mit Scheinwundern und auch vor Gewalttaten schreckt er nicht zurück. Wer sich von ihm verführen lässt, dem schwant Unheil. Schließlich wird er von Jesu auf dem Ölberg vernichtet.
Diese Antichrist-Vorstellung prägte die christliche Lehre bis zum Ende des Mittelalters und wirkte auch beim Bau der Marienkirche.
Zu jener Zeit war das Motiv des "Antichrist" in der christlichen Lehre eine hilfreiche Metapher, mit der sich das Böse benennen und rätselhafte Erscheinungen wie Pestepidemien, Missernten und Hungersnöte erklären ließen, die die Menschen im Mittelalter stark verstörten. Eingebettet in die Thematik des Jüngsten Gerichts sollte der Antichrist auf den Frankfurter Bleiglasfenstern einen inneren Zugang zu dieser Vorstellung ermöglichen und daran erinnern, das eigene Leben verantwortungsvoll gegenüber Gott und seinen Mitmenschen zu führen.
Jahrzehnte lang galten die gotischen Glastafeln der Marienkirche jedoch als verschollen. 1941 hatte man sie aus Angst vor Zerstörung zunächst in einer Gruft unter dem Nordturm ausgelagert und kurz vor Kriegsende ins Neue Palais nach Potsdam gebracht. Dort wurden die insgesamt 117 Fensterfelder von der russischen Armee gefunden und in die Eremitage nach St. Petersburg ausgeflogen.
Erst Anfang der Neunzigerjahre tauchten erste Hinweise auf den Verbleib der Fenster auf. Es folgten jahrelange Verhandlungen auf höchster politischer Ebene. 2002 kam es nach Zustimmung des russischen Parlaments zu einer der wenigen Rückgaben von "Beutekunst" aus Russland. "Das haben wir der engen Freundschaft von Kanzler Gerhard Schröder und Wladimir Putin zu verdanken", sagt Helmuth Labitzke, Vorsitzender des Fördervereins St. Marien. Nach ihrer Rückkehr wurden die Glasmalereien grundlegend restauriert.
Die Arbeiten dauerten mehrere Jahre. Die Glasfelder wurden gereinigt, geklebt und an Fehlstellen ergänzt. Allein für die Wiederherstellung des Motivs "Der Feuerzauber des Antichrist" waren 220 Arbeitsstunden nötig. Die auf Glasmalerei und Glasfenster spezialisierte Restauratorin Sandra Meinung arbeitete zwischen 2002 und 2007 in der eigens eingerichteten Restaurierungswerkstatt im Martyrchor der Kirche - der gläsernen Werkstatt.
Doch der Aufwand hat sich gelohnt: Der kostbare Schatz aus Glas, Farbe und Licht leuchtet seit der feierlichen Einweihung vor acht Jahren wieder prächtig. Das Blau des Himmels ebenso, wie das grüne Fell der Dämonen und die roten Fratzen der Teufel.