In der Hoffnung, dass die Mutter wiederkehren würde, brachte die Lossower Feuerwehr das Ei zu den anderen ins Nest. Doch das Männchen verbrachte die folgenden Tage alleine auf dem Horst. Das sei problematisch, erklärt der Frankfurter Storchenbeauftragte Jürgen Fetsch, weil das Männchen kein Futter besorgen könnte, ohne dass die Eier zu kalt werden. „Einer alleine schafft es auch nicht, die Jungen großzuziehen“, so der Experte.
Zufälligerweise sah der Frankfurter Berndt Gellert dann im Fernsehen eine Sendung über den Storchenhof Loburg in Sachsen-Anhalt und kam auf die Idee, die Eier dorthin zu bringen. Also hieß es für die Feuerwehr erneut: Drehleiter ausfahren und Storcheneier wieder herunterholen. Jürgen Fetsch packte die Eier in warme Socken, wickelte sie in eine Decke, legte sie in eine Thermobox und machte sich auf den Weg ins zwei Stunden entfernte Loburg. „Ich hatte vorher bei zwei Profis nachgefragt, wie man sich am besten verhält“, erzählt er. „Sie sagten, wir sollen die Sache der Natur überlassen, die Chancen stehen schlecht.“
Dass die Eier nun in dem kleinen Ort bei Magdeburg sind, sei vor allem dem Einsatz der engagierten Lossower zu verdanken, sagt der Storchenbeauftragte. Am Mittwoch um 12.30 Uhr kamen sie auf dem Hof an. Die dortigen Mitarbeiter durchleuchteten die Eier mit einer sogenannten Schierlampe. „Ist das Ei unbefruchtet, bleibt es hell“, erklärt Michael Kaatz, Geschäftsführer des Storchenhofes. Die dunkle Färbung der Lossower Eier deute aber auf eine Befruchtung hin.
Wie geht es jetzt mit den Brandenburger Eiern in Sachsen-Anhalt weiter? Die Brutzeit bei Störchen beträgt 30 bis 32 Tage. Solange bleiben die Eier im Brutschrank, werden automatisch gewendet. „Wir lassen sie auch 40 Tage drin“, versichert Michael Kaatz in der Hoffnung, dass etwas schlüpft. Wichtig sei eine hohe Luftfeuchtigkeit, bei 37,5 bis 38 Grad Celsius.
Sollten wirklich Storchenküken schlüpfen, werden diese zwar gefüttert. Aber es sei wichtig, „rechtzeitig geeignete Adoptiveltern zu finden.“ Denn: Auch wenn mit Attrappe, also einem Plastikstorch, gefüttert werde, sei das Risiko hoch, dass sich die Küken zu sehr an den Menschen gewöhnen. Die Adoptiveltern müssen bestimmte Qualitäten mitbringen: Sie müssen eigene Junge – allerdings nicht allzu viele – im gleichen Alter haben und in einem Gebiet mit ausreichend Nahrung leben.
„In der Regel werden die Jungen gut von den Adoptiveltern aufgenommen“, sagt Kaatz. Wenn nicht, würden sie das Küken attackieren und im schlimmsten Fall aus dem Nest werfen. „Da passen wir aber sehr gut auf.“ Er und seine Kollegen würden im Ernstfall „schnell genug handeln und mit der Feuerwehr hochfahren.“
Und der Storchenpapa? „Es ist noch nicht zu spät, um von vorne anzufangen“, ist Michael Kaatz überzeugt. Er glaubt, dass der Storch zunächst im Horst übernachten, dann aber immer seltener zum Nest zurückkehren wird. Es sei wahrscheinlich, dass er sich dann einer Gruppe anschließt. Das seien zum Beispiel Störche, die keinen Partner finden oder noch nicht geschlechtsreif sind. „Fast ein Drittel der in Deutschland ankommenden Störche ist nicht brütend.“
Doch kehren Störche nicht mit demselben Partner immer wieder zu „ihrem“ Horst zurück? Ja, sagt Kaatz. Auch in Loburg, wo seit 1979 bereits 1740 Störche aufgenommen wurden, gebe es Tiere, die seit 15 Jahren in derselben Partnerkonstellation sind. Doch manchmal komme ein Partner zu spät oder gar nicht mehr zum Horst zurück. „Wenn der Storch dann zu sehr auf moralische Dinge setzen würde“, sagt Kaatz lachend, „hätten wir überall nur Single-Störche.“