Es war ein Puzzle aus teils widersprüchlichen Zeugenaussagen, verblassten Erinnerungen, Vernehmungsprotokollen und Sprachnachrichten, das die dritte Strafkammer des Frankfurter Landgerichts an fünf Prozesstagen zusammenzufügen hatte. Am Ende sahen die Richter es als erwiesen an, dass sieben der neun Angeklagten die beiden syrischen Flüchtlinge in der Nacht vom 20. auf den 21. März vergangenen Jahres zwischen Markendorfer Straße und Witzlebenstraße angegriffen, geschlagen und getreten hatten - auch als diese schon am Boden lagen. Zuvor waren die jungen Männer ihren späteren Opfern von einer Shisha-Bar in Neuberesinchen bis zum Tatort gefolgt.
Als Motivation wurde ihnen Fremdenfeindlichkeit bescheinigt. Ob es sich um Neonazis handele, konnte hingegen nicht eindeutig festgestellt werden. Auch seien die Syrer nicht, wie es in der Anklage hieß, durch die Stadt gejagt worden, erklärte der Vorsitzende Richter Ulrich Karkmann. Zudem konnte im Prozess nur teilweise geklärt werden, wer von den Angeklagten an dem Angriff beteiligt war, und wer welche Schläge und Tritte abgab.
Ein Angeklagter wurde vom Vorwurf der gemeinschaftlich begangenen schweren Körperverletzung freigesprochen. Ihm konnte eine Beteiligung an der Prügelei nicht nachgewiesen werden. Ein weiterer Angeklagter wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Der 21-Jährige ist bereits drei Mal wegen schwerer Körperverletzung vorbestraft und war zum Tatzeitpunkt auf Bewährung frei. Für drei Angeklagte verhängte das Gericht Haftstrafen zwischen zehn Monaten und zwei Jahren, die zur Bewährung ausgesetzt wurden. Ein junger Mann wurde zu 600 Euro Geldstrafe verurteilt, zwei weitere müssen 80 Arbeitsstunden ableisten. Einer von ihnen hatte gestanden, noch in der Shisha-Bar Parolen wie "Heil Hitler" und "Sieg Heil" gerufen zu haben. Das Verfahren gegen den neunten im Bunde wurde wegen Krankheit des Angeklagten abgetrennt. Es wird gesondert verfolgt. Bis auf eine Ausnahme wurden alle Angeklagten nach dem Jugendstrafrecht verurteilt, da sie zum Tatzeitpunkt zwischen 18 und 20 Jahre alt waren und die Jugendgerichtshilfe ihnen eine verzögerte Reife ihrer Persönlichkeit bescheinigte.
Mit den Urteilen blieb die Kammer hinter den Forderungen der Staatsanwaltschaft zurück, die für alle Angeklagten Haftstrafen ab zehn Monaten, größtenteils ausgesetzt zur Bewährung, beantragt hatte. "Diese Verurteilung soll zeigen, dass unsere Rechtsordnung Angriffe, die auf Fremdenfeindlichkeit beruhen, bestraft", sagte Staatsanwalt Ingo Kechichian in seinem Plädoyer. Er betonte, dass auch die Angeklagten, die von den Zeugen nicht als Schläger identifiziert worden waren, durch ihre bloße Anwesenheit eine Drohkulisse aufgebaut und ihre Bereitschaft, sich an körperlichen Auseinandersetzungen zu beteiligen, signalisiert hätten.
Die Anwältinnen der Opfer. wiesen daraufhin, dass ihre Mandanten nicht nur körperliche Verletzungen erlitten haben, sondern unter den psychischen Folgen der Tat bis heute litten. "Ich bin vor dem Krieg geflüchtet und dachte, ich bin im Land der Freiheit angekommen. So etwas habe ich nicht erwartet", ließ einer der Syrer über seine Anwältin mitteilen.
Zwar legte einer der neun Angeklagten am vorletzten Verhandlungstag ein Geständnis ab, doch die genauen Umstände der Tat blieben schwammig. Wer genau wobei mitgemacht habe, daran könne er sich aufgrund der Zeit, die seit der Tat vergangen ist, sowie seines Alkoholkonsums in jener Nacht nicht mehr erinnern, ließ der Angeklagte über seinen Anwalt verlesen. Die acht anderen Angeklagten schwiegen eisern, zumindest vor Gericht. In Text- und Sprachnachrichten - "es hat 30 Sekunden gedauert bis der Asylant am Boden lag" - brüsteten sich einige von ihnen gegenüber Freunden der Tat.
Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.