Die neue Präsidentin der Europa-Universität Julia von Blumenthal möchte die Viadrina weiter in die Region hinein wirken lassen. Das sagte die 48-Jährige am Dienstag beim Stadtboten-Redaktionsfrühstück. Dazu gehört auch, studentisches Leben in der Innenstadt sichtbar zu machen.
Die Zeit für einen Spaziergang zu den wichtigsten Stationen studentischen Engagements im Stadtbild hat sich Julia von Blumenthal gern genommen – trotz oder gerade wegen der vielfältigen Themen, in die sich die neue Viadrina-Präsidentin derzeit einarbeitet. „Großartig“, nennt sie, was sie dabei im Studentenkeller „Stuck“ im Haus der Künste, im selbstverwalteten, internationalen Verbündungshaus Fforst und beim Vorbereitungsteam für das Kunstfestival Art an der Grenze gesehen hat. Den studentischen Initiativen sichert sie weiter die Unterstützung und die Freiheit zu, die sie brauchen, um das zu tun, was sie gut können.
Bemerkenswert sei auch die Zuzugskampagne, die der Allgemeine studentische Ausschuss (Asta) im vergangenen Jahr gestartet hat und der Julia von Blumenthal zumindest teilweise gefolgt ist. Zu ihrem Wohnsitz in Berlin hat sich ein weiterer in der Oderstadt gesellt. „An der Wollenweberstraße“, verrät sie. Das sei pragmatisch ausgewählt, nämlich fußläufig zum Uni-Hauptgebäude und gleichzeitig wunderschön am Lennépark gelegen.
Überhaupt müsse sich Frankfurt nicht verstecken, findet die Politikwissenschaftlerin, die in Marburg geboren wurde, in Hamburg und Heidelberg studierte und nach Stationen in Canberra, Lüneburg und Gießen zuletzt die Kulturwissenschaftliche Fakultät der Berliner Humboldt-Universität leitete. Dass etwa auf dem Ferdinandshof, der sich bei einem ihrer Besuche im Rahmen der Bewerbung, noch  als Ruine präsentierte, inzwischen die Bauarbeiten in vollem Gange seien, zeige eindrucksvoll – und das auf der Einflugschneise vom Bahnhof zur Universität – was in dieser Stadt alles möglich sei. Potential, studentisches Leben in die Innenstadt zu holen, sieht das neue Uni-Oberhaupt auch in der Großen Scharrnstraße, der Verbindungsstraße zwischen Campus und Stadtbrücke.
Damit die Viadrina in Zukunft noch stärker als „Universität der Region“ begriffen und wahrgenommen wird, will Julia von Blumenthal dafür werben, dass es auch zu den Aufgaben einer Professur gehöre, das, was dort geforscht und gelehrt werde, nach außen zu tragen. Dabei gehe es zunächst darum, Themen für einen solchen Wissenstransfer zu identifizieren. „Das ist für mich eine persönliche Aufgabe“, bringt sie es auf den Punkt.
Zukunftsweisend und in seiner Form einmalig sei das Vorhaben von Viadrina und der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznan am Collegium Polonicum die „European New School for Digital Studies“ zu gründen. Das englischsprachige Institut, dessen Name mit „Europäische Neue Schule für Digitalstudien“ übersetzt werden kann, soll sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die europäische Gesellschaft, Wirtschaft, Arbeitswelt und das Rechtssystem  beschäftigen.
Mit dem Vorhaben soll die seit Jahren vielbeschworene deutsch-polnische Fakultät endlich Wirklichkeit werden. Dass heute nicht mehr von einer Fakultät, sondern von einem Institut die Rede ist, liege am neuen polnischen Hochschulgesetz, erklärt Julia von Blumenthal. Es bleibe jedoch dabei, dass mit dem Projekt die deutsch-polnische Kooperation in der Forschung auf ein neues Niveau gehoben werden soll. „Wir bringen das beste zusammen, was wir haben“, sagt sie, nämlich die geistes- und sozialwissenschaftliche Fachkompetenz der Viadrina mit der technikwissenschaftlichen der Adam-Mickiewicz-Universität.
Starten soll das Projekt im Wintersemester 2019/20 mit einem Master-Studiengang „Digital Entrepreneurship“ (Digitales Unternehmertum). Er richtet sich an Studenten, die bereits einen Bachelor-Abschluss haben. „Wichtig ist, dass sie eine aktive Rolle in einer sich verändernden Gesellschaft einnehmen wollen“, erklärt Julia von Blumenthal. Sei es mit einer konkreten Geschäfts-idee oder als Berater. Neben einem Kern-Curriculum werde es zusätzliche Lerninhalte geben, die sich an dem orientieren, was die Studenten mitbringen. Perspektivisch soll es auch Bachelor-Studiengänge geben.