In den Jahren 2013 und 2014 gab es laut Verfassungsschutz in Frankfurt 68 Ereignisse mit rechtsextremistischem Hintergrund, vom 1. Januar 2015 bis zum 18. Mai 2016 waren es 72. Diese Zahlen stellte Sebastian Haase, Mitarbeiter des Verfassungsschutzes des Landes, am Sonnabend in der Viadrina vor. Solche "Ereignisse" seien auch Propaganda oder das Nutzen von Symbolen wie dem Hakenkreuz, erklärte er. Der Verfassungsschutz zähle in Frankfurt etwa 90 Personen zum rechtsextremistischen Spektrum.
Im Mai kam es in Frankfurt zu mehreren fremdenfeindlichen Übergriffen. "Die Zahl rechts motivierter Gewalttaten ist im Land stark angestiegen", erklärte Sebastian Haase. Das sei überall mehr geworden, landesweit. Das sei kein Frankfurter Phänomen. Sebastian Haase referierte zum Thema "Rechtsextremismus in Brandenburg und Frankfurt". Er sprach von einem Trend, der dahin gehe, dass sich immer mehr Leute dazu berufen fühlen, rechte Straftaten zu begehen und Gewalt anzuwenden. Die Gefahr spontaner Gewalttaten sei gestiegen und die Leute würden oftmals durch das Internet, zum Beispiel durch Facebook, "angestachelt". "Aus Hetze wird Hass und letztlich Gewalt", sagte er. Im Land gebe es mehr als 80 Facebookseiten mit Antiasylbezug. "60 Prozent sind rechtsextremistisch beeinflusst", erklärte Sebastian Haase. Die Seite "Frankfurt/Oder wehrt sich" gehöre zu den aktivsten.
Sebastian Haase stellte vier neonazistische Gruppierungen aus Frankfurt vor: die "Kameradschaft Kommando Werwolf", die "Bruderschaft 25", die "Blood Brother Nation" und die "Europäische Aktion", mit jeweils einer Hand voll bis etwa 15 Mitgliedern. Zur Sprache kam auch die Partei "Der III. Weg", die zwar in Frankfurt noch keine Strukturen hat, aber im Raum Frankfurt/Landkreis Oder-Spree einen Stützpunkt etablieren könnte. Die Partei bereite dem Verfassungsschutz gerade in Brandenburg Sorgen, denn sollte es zu einem NPD-Verbot kommen, würde diese Partei zunächst noch als eine Alternative bestehen. Eine Teilnehmerin des Zukunftsdialoges sagte, sie habe das Gefühl, dass "Der III. Weg" seit Februar in Frankfurt aktiv ist. "Das ist der klassische Weg: Sie kommen aus anderen Regionen und akquirieren Leute. Wie Missionare ziehen sie durchs Land. Und man hat das Gefühl, dass sie schon angekommen sind", erklärte Angelika Thiel-Vigh, Leiterin der Koordinierungsstelle "Tolerantes Brandenburg".
Die Teilnehmer des Zukunftsdialoges wollten weiterhin wissen, ob es in Brandenburg Salafisten gibt. Steffen Kern von der Piratenpartei fragte, wie die Finanzierungsstrukturen der genannten Gruppen aussehen würden. Für beide Frage verwies Sebastian Haase auf seine Kollegen, die diese besser beantworten könnten. "Wären wir demokratisch besser aufgestellt, hätte wir die Probleme mit dem Rechtsextremismus nicht", merkte Steffen Kern an.
Seit dem Frühjahr 2015 führt die Koordinierungsstelle "Tolerantes Brandenburg" im ganzen Bundesland Zukunftsdialoge durch. Bis Dezember dieses Jahres wird es insgesamt 18 solcher Veranstaltungen gegeben haben. Mit den Dialogen will die Koordinierungsstelle schauen, welche Netzwerke vor Ort bereits existieren und wie man diese unterstützen kann. Nach Frankfurt kamen am Sonnabend 40 Teilnehmer. Vertreten waren die Awo, die Initiative Deutsch für Asylsuchende, der Verein Vielfalt statt Einfalt, der Internationale Bund, die Caritas und andere. In Workshops sprachen die Teilnehmer über die Themen Willkommenskultur und Integration, Erscheinungsformen von Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und Rassismus, Demokratie und Mitwirkung sowie Rechtsextremismus im Internet.
Wenn man selbst einen rassistischen Vorfall mitbekommt, solle man auf keinen Fall wegschauen, betonte Angelika Thiel-Vigh. Man müsse gut abwägen, ob man eingreifen kann, ohne selbst Schaden zu nehmen, und solle auf jeden Fall Hilfe holen.