An die Sonnabende in Neuberesinchen Ende der 1980er-Jahre kann sich Ronny Besançon noch sehr gut erinnern: "Wenn meine Freunde und ich aus der Schule kamen, haben die meisten Leute ihre Autos gewaschen", sagt der 34-Jährige, der mit seinen Eltern 1984 von Eisenhüttenstadt nach Frankfurt zog und seine Jugend und die Zeiten mit seiner Clique in dem damals belebten Stadtteil als sehr schön empfunden hat. "Bis 1993 hat Neuberesinchen geboomt, dort hat der Mittelstand gelebt. Dann ging es los, dass sich die Leute Häuser kauften", erzählt er.
Heute ist Besançon, der 1999 nach Potsdam kam, weil er dort Deutsch und Geschichte auf Lehramt studieren konnte, nur noch einmal im Monat in seiner alten Heimat. Den Stadtumbau hat er aus der Ferne beobachtet. "Rein rational betrachtet sind die Gründe für den Abriss wegen des Bevölkerungsrückgangs nachvollziehbar. Ich finde trotzdem, dass man mehr Augenmaß hätte beweisen können." Ihm sei ein Teil seiner Jugend genommen worden, sagt Besançon. "Die Orte meiner Kindheit sind Felder. Neubaublocks stehen mitten im Nichts."
Wenigstens sein Schulgebäude, die ehemalige 9. Gesamtschule, gebe es noch.
In Potsdam hat Besançon schnell Fuß gefasst. "Als ich her kam, waren die Potsdamer und die Frankfurter Kneipen- und Kulturszene noch vergleichbar."
Gerne denke er an das alte Frankfurter Kleist-Theater zurück, an die Kulturfabrik und deren Nachfolger Musikfabrik in der Ziegelstraße, in der er sich mit dem Verein Bunte Kultur engagierte. Heute hinke der Vergleich mit Potsdam: "Kulturpolitisch muss Frankfurt mehr machen", sagt Besançon. "Das Angebot ist zwar okay, orientiert sich aber an den zahlungskräftigen Bürgern und nicht an den Studenten." Generell müsse der Uni-Faktor gestärkt werden. "Hier kann Frankfurt von Potsdam lernen. Die Stadt hat es geschafft, dass hier viele Studenten leben, trotz Berlin-Nähe."
Ein großer Fehler in Frankfurt sei auch gewesen, die Große Scharrnstraße veröden zu lassen. Ladenbesitzer seien Ende der 90er-Jahre von dort in die Magistrale gezogen, weil es an alter Stelle am Umsatz mangelte.
Was Potsdam betreffe, hänge er nicht so an alten Strukturen. "Ich würde mir hier manchmal sogar ein kleines bisschen weniger Preußen-Disneyland wünschen. In Potsdam ist alles eingezäunt und hochgestylt." Die Frankfurter Umgebung vermisse er deswegen sehr, "vor allem die Oderwiesen". Besançon kennt weitere negative Seiten der Landeshauptstadt: "Ich könnte es mir heute nicht mehr leisten, hier nochmal mit dem gleichen Standard umzuziehen", sagt er. Auch die Jobaussichten seien nicht rosig. Wenn er sein Studium im Mai abgeschlossen habe, müsse er zwei bis drei Jahre auf einen Referendariats-Platz warten.
"Sollte ich in Frankfurt eine Stelle bekommen, könnte ich mir vorstellen, die Chance zu ergreifen", sagt Besançon. Er ist zwiegespalten in dem Punkt. Viele seiner Freunde haben Frankfurt verlassen, es wäre ein Neuanfang. In Potsdam hat er sein soziales Umfeld, spielt in einer Band, engagiert sich für den Erhalt des alternativen Rock-Clubs Archiv und hat als stellvertretender Kreisvorsitzender der Linken ein politisches Zuhause. Aber vielleicht sieht man ihn trotzdem bald öfter in der Oderstadt: Besançon könnte dort einer guten alten Tradition frönen. "Immer wenn ich in Frankfurt bin, gehe ich ins Irish Corner und trinke einen schottischen Whiskey."