Der nach Knut Ipsen, Hans N. Weiler, Gesine Schwan und Gunter Pleuger fünfte Rektor ist zwar erst seit 3. Dezember im Amt. Doch schon die ersten Tage an der Europa-Universität haben ihn schwer beeindruckt. "Die Grundstimmung an der Viadrina ist viel besser als in Greifswald", sagt Alexander Wöll. Ein möglicher Grund: Im Gegensatz zu seinem alten Arbeitsplatz, der Ernst-Moritz-Arndt-Universität, stehen an der Viadrina - zumindest aktuell - keine finanziellen Einschnitte ins Haus. Vor allem aber spüre er bei vielen Kollegen etwas vom Geist der Gründerjahre. "Hier passiert alles noch mit so viel Schwung, Elan. Die Mitarbeiter sind stolz, diese Uni mit aufgebaut zu haben."
Wöll will an der für die Stadt wohl wichtigsten Institution weiterbauen, sie weiter entwickeln. Das Zukunftsziel, das bereits Gunter Pleuger ausgerufen hatte, heißt: "Eine richtige deutsch-polnische Universität". Mittelfristig soll dabei aus dem Collegium Polonicum eine deutsch-polnische Fakultät werden. Mit dem Rektor der Adam-Mickiewicz-Universität in Posen, Bronislaw Marciniak, habe er sich dazu bereits beraten. Derzeit sei man dabei, die Rechtsgrundlage für eine gemeinsame, aber an die Viadrina angebundene Fakultät auszuloten. Zwei unterschiedliche Hochschulgesetze aufeinander abzustimmen, brauche Zeit. "Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das hinbekommen", sagte Wöll.
Der Blick des Osteuropa-Experten geht aber nicht nur gen Osten. Möglichkeiten für eine intensivere Partnerschaft sieht er unter anderem mit der traditionsreichen Pariser Sorbonne. "Wir sind die internationalste Uni in Deutschland. Das ist unsere Visitenkarte und das müssen wir auch weiter ausbauen."
Vorgenommen hat sich Wöll ebenso ein besseres Miteinander von Stadt und Uni. Dabei mithelfen soll Prof. Dr. Stephan Kudert, Inhaber des Lehrstuhls für Steuerlehre und Wirtschaftsprüfung an der Viadrina. Den in der Region verwurzelten Wirtschaftswissenschaftler will Wöll als einen von drei Vizepräsidenten mit der regionalen Verankerung der Uni betrauen. Denn die Region und die Viadrina müssten stärker voneinander profitieren. Durch junge, kreative Existenzgründer etwa, von denen es aus der Uni heraus bereits viele gebe, aber am Ende zu wenige in der Grenzregion verbleiben. Das Potenzial sei groß, "aber das Umfeld muss auch stimmen", sieht das neue Uni-Oberhaupt hier die Stadt in der Pflicht.
Umgekehrt fehle in der Innenstadt studentisches Abend- und Nachtleben, das möchte er wieder etwas aktivieren. An der Viadrina gebe es mehr als 30 studentische Initiativen mit vielen tollen Ideen. "Man muss das alles aber stärker bündeln", meint er. Nur so könne dann auch mal Geld für größere Projekte eingeworben werden.
Eine Projektidee, die er mitgebracht hat, ist ein länderübergreifendes Kulturfestival über mehrere Tage. Die polnischen Kulturtage "polenmARkT" gibt es in Greifswald bereits seit 1997. Etwas ähnliches könne er sich auch für Frankfurt vorstellen.
Wöll studierte Germanistik, Geschichte und Slawistik in München, Berlin und Moskau. Nach seiner Promotion arbeitete er unter anderem in Prag, Oxford und ab 2008 in Greifswald. Dort war Wöll seit 2010 Dekan der Philosophischen Fakultät. Dass er nun dem Ruf nach Frankfurt gefolgt sei, habe auch mit der "Heiligen Kuh der Uniklinik in Greifswald" zu tun. Anders als an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität hätten Geistes- und Sozialwissenschaften an der Viadrina einen ganz anderen Stellenwert.
Der neue Präsident der Europa-Universität Alexander Wöll möchte studentische Initiativen stärker bündeln.