Die neu vorgemauerte Wand kommt gut bei der Wohngemeinschaft an: Einige Fledermäuse verbringen dort ihre Winterruhe, erzählt Weronika Karbowiak vom Landschaftspflegeverband Mittlere Oder. Die Wand, mit der die Tiere dort ursprünglich direkten Kontakt hatten, war mit einer toxischen Teer-Bitumen-Mischung gedämmt. Um die Fledermäuse davor zu schützen und weil es jetzt einfacher ist, sie zu zählen, gibt es nun die zusätzliche Wand.
Sie entstand während der Baumaßnahmen, die in der ehemaligen Ostquell-Brauerei zwischen Heilbronner und Ferdinandstraße im September begonnen haben. Die Gebäude werden nicht zu altem Glanz restauriert, sondern – denn sie sind anerkanntes Fledermaus-Quartier – statisch gesichert, um den Tieren auch in Zukunft eine Unterkunft zu bieten und wissenschaftliche Arbeiten, wie Fledermauszählungen, zu ermöglichen.
Diesen Januar wurden zwar weniger Tiere als im Jahr davor gezählt (1534 im Januar 2019; 1638 im Januar 2018), das waren aber etwas mehr Fledermäuse als noch vor zwei Jahren (1501 im Januar 2017). Die Zahlen sind also stabil – beeinträchtigt durch die Baumaßnahme sind die Tiere nicht. Auch die Quartierbetreuer Norbert Bartel und Gernot Preschel bestätigen, dass die Arbeiten keinen negativen Einfluss auf die Fledermäuse haben und harmonisch mit deren Leben umgesetzt wurden.
Die Baumaßnahme gehört zum deutsch-polnischen Projekt „Natura Viadrina +“, das seit vergangenen Sommer für insgesamt drei Jahre läuft. Daran beteiligt sind neben dem Landschaftspflegeverband Mittlere Oder als Leadpartner auch die Stiftung Euronatur, die Eigentümer der Brauerei ist, sowie die polnische Naturschutzliga LOP und die Vereinigung der Landschaftsschutzparks in der Wojewodschaft Lubuskie. Es gehören nicht nur die Arbeiten an der Brauerei und grenzüberschreitende Schutzkonzepte für andere Tiere dazu, sondern auch Arbeiten an den Bunkern der sogenannten „Festung im Oder-Warthe-Bogen“ im Reservat Nietoperek, etwa eine Stunde östlich von Frankfurt. Dort wurden im Januar 35 891 Fledermäuse gezählt.
Aber wann fliegt so eine Fledermaus in ihr Winterquartier? Ab dem Zeitpunkt, zu dem keine Insekten mehr als Nahrungsquelle zur Verfügung stehen, beginnen sie ihre Winterruhe (Lethargie), fliegen also etwa in die Bunker im polnischen Reservat oder in die Kellerräume der ehemaligen Brauerei in Frankfurt. Das passiert ab etwa 8 bis 10 Grad Celsius, wie Fledermausexperte Norbert Bartel informiert. „In der Regel finden sich die Großen Mausohren ab Oktober/November in den Winterquartieren ein. Die kleineren Arten wie Fransen- und Wasserfledermaus folgen dann später“, erklärt er.
Diesen Januar fanden er und seine Kollegen sieben Arten in der alten Brauerei vor: Großes Mausohr, Fransen- und Wasserfledermaus, Braunes Langohr, Bechstein-, Mops- und Zwergfledermaus. „Selbst kühle verregnete Abschnitte im Sommer können dazu führen, dass die Fledermäuse in ihren Sommerquartieren phasenweise lethargisch werden, um einfach Energie zu sparen“, beschreibt er.
Deshalb finden die Bauarbeiten auch nicht durchgängig statt – und im Moment, während der Winterruhe der Tiere, sowieso gar nicht. Begonnen wurde 2018 mit den kompliziertesten Arbeiten an der alten Ostquell-Brauerei. „Wir müssen beachten, dass das Fledermausquartier, Naturschutz- und Natura 2000-Gebiet ist“, erklärt Weronika Karbowiak die Schwierigkeit. Die Arbeiten an den Kellergewölben unter dem kompletten Brauereigelände seien geschafft, dazu gehörten zum Beispiel die Sicherung mit Metallstützen und das Vormauern einer Wand um die dahinter befindliche, kaputte Wand vor dem Einsturz zu sichern.
Begonnen wurde im vergangenen Jahr auch mit den Arbeiten am „Eisgenerator“ genannten Gebäude, das ab April/Mai, wenn die Fledermäuse ausgeflogen sind, weiter in den oberirdischen Stockwerken gesichert wird. Für dieses Jahr steht außerdem der Beginn des zweiten Bauabschnitts, dem mittleren Teil der Brauerei, an. Die Kronen eines Ahorns und einer Rotbuche wurden bereits zurückgeschnitten, um Platz für das Baugerüst zu machen. 2020 dann, im letzten Baujahr, wird der nördliche Brauereiteil gesichert.
Die Kosten für das gesamte Projekt, einschließlich der Schutzaktionen und der Arbeiten in Nietoperek, betragen 2,5 Millionen Euro. Drei Viertel sind Mittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), ein Teil ist durch das Programm Interreg VA gefördert.
Wer sich den Brauereikeller von Nahem anschauen will, hat am 12. März dazu Gelegenheit. Norbert Bartel führt dann in einem VHS-Kurs durch die Gebäude. Die Besichtigung dauert anderthalb Stunden und beginnt um 18.30 Uhr. Schon um 16.30 Uhr gibt es eine Führung, die für Menschen mit Lernbehinderung geeignet ist. Für beide Kurse ist eine Taschenlampe mitzubringen. Sie sind nicht geeignet für Menschen mit Geheinschränkungen.
Anmeldungen über vhs-frankfurt-oder.de, die Gebühren für den VHS-Kurs werden vor Ort gezahlt.