Julia und Christian Daniel aus Frankfurt hatten sich noch nicht einmal auf einen Namen festgelegt, da war ihr zweites Kind auch schon auf der Welt. Elf Wochen vor dem geplanten Entbindungstermin, in der 29. Schwangerschaftswoche. "Ich habe mich nicht wohl gefühlt, mir war übel und ich hatte einen viel zu hohen Blutdruck", erzählt Julia Daniel. Ihr Gynäkologe wies sie sofort ins Klinikum ein. Dort entschieden sich die Ärzte zum Wohle der Mutter für einen Kaiserschnitt. 26 Zentimeter groß war das kleine, zarte Bündel Mensch, das die Daniels dann in den Arm nehmen durften. "Da erschrickt man erst mal", sagt Julia Daniel.
Mittlerweile hat Bruno ordentlich zugelegt. 1260 Gramm wog er am Dienstag. Im Haus 1 des Klinikums Frankfurt, Ebene 5, liegt der Junge in einem transportablen, hochmodernen Inkubator. Rund um die Uhr werden darin seine Vitalfunktionen überwacht. So schonend wie möglich päppeln Schwestern, Ärzte und Mutter Bruno auf. Dem Frühgeborenen geht es gut. Er atmet selbstständig - und am liebsten trinkt er Muttermilch.
260 Frühgeburten wurden 2013 in der Neonatologie, der Neugeborenenstation, in Frankfurt betreut - von sogenannten späten Frühgeburten (34. bis 37. Schwangerschaftswoche) bis zu Kindern mit einem Geburtsgewicht von unter 1 000 Gramm und einer Geburt vor der 29. Schwangerschaftswoche. Verläuft alles normal, dauert es durchschnittlich 40 Wochen, bis ein Baby auf die Welt kommt.
"Ab der 24. Woche werden bei uns alle Frühchen versorgt", erklärt Oberärztin Dr. med. Cornelia Ast. Kinder, die noch ein, zwei Wochen früher geboren werden, hätten eine Überlebenschance "von höchstens 50 Prozent". Gemeinsam mit den Eltern werde daher von Fall zu Fall entschieden, inwieweit eine intensivmedizinische Betreuung dann noch in Frage kommt.
Je reifer das Kind, desto größer ist in der Regel die Überlebenswahrscheinlichkeit. Entscheidend - auch im Hinblick auf mögliche Folgeschäden - sei der Zeitpunkt der Geburt, also weniger das Geburtsgewicht, sagt Cornelia Ast. Vor einigen Jahren wog ein kleiner Patient in Frankfurt gerade einmal 490 Gramm, er entwickelte sich dann später aber ganz normal.
Bei extrem frühgeborenen Kindern sind viele Organe noch nicht voll ausgereift, darunter die Lunge. Sie produziert eine bestimmte Substanz, das Surfactant, noch nicht in dem Maße, der für den unproblematischen Gasaustausch in den Lungenbläschen nötig ist. Atemnot ist die Folge, weshalb die Kinder beatmet werden müssen. Seit einigen Jahren kann den Kindern jedoch auch extrahiertes oder künstlich hergestelltes Surfactant gegeben werden. "Eine kleine Revolution für die Neonatologie", nennt das die Oberärztin. "Damit erspart man den Kindern oft eine Beatmung oder es wird zumindest eine kürzere Beatmungszeit erreicht."
Denn eine künstliche Beatmung ist für Frühgeborene nicht ungefährlich. "Die Kinder sollten so stressfrei wie möglich behandelt werden, um Komplikationen zu vermeiden", weiß Ast.
Die Frankfurter Oberärztin arbeitet seit mehr als 28 Jahren in der Frühgeborenenmedizin, einige ihrer ersten Patienten haben inzwischen selbst schon Kinder. In dieser Zeit hat ihr Fachgebiet gewaltige medizinisch-technische Fortschritte gemacht. Modernste Technik und hochqualifiziertes Personal kommen heute auch in der Frankfurter Neonatologie zum Einsatz. Zudem sorgen besonders strenge Hygienerichtlinien dafür, das Infektionsrisiko auf ein Minimum zu senken. Als sogenanntes Perinatalzentrum Level 1 dürfen sich Mutter und Kind - egal ob frühgeboren oder nicht - in der Klinik in den besten Händen wissen.
Julia Daniel und ihr Mann fühlen sich mit ihrem Bruno gut aufgehoben in der Frankfurter Frühgeborenenstation. "Man wird ganz toll mit einbezogen", sagt die junge Mutter, die in einer Rechtsanwaltskanzlei arbeitet.
Sie habe etwas gebraucht, erzählt sie, bis sie die verfrühte Geburt realisiert habe. "Der entscheidende Moment war dann aber, als sie mir Bruno auf die Brust gelegt haben". Seitdem kuscheln die beide ganz viel miteinander, das Herz seiner Mutter hat er schon im Bauch schlagen hören. Frühestens Ende März könnte Bruno entlassen werden.
Nähe und Vertrautheit seien für Frühgeborene in den ersten Lebenstagen besonderes wichtig, erklärt Ast. "Es ist faszinierend, wie Kinder auf die Mutter oder den Vater reagieren. Die Atmung wird ruhiger, der Sauerstoffgehalt besser. Daher versuchen wir schnell nach der Geburt, den Kontakt zwischen Kind und Mutter herzustellen."
Über das junge Glück der Eltern freut sich die Medizinerin Tag für Tag. Cornelia Ast: "Es ist für mich jedes Mal ein Wunder, wenn man ein neues Leben auf die Welt kommen sieht."