Herr Dr. Burghardt, mit welchen Problemen kommen Kinder und Jugendliche zu Ihnen in die Klinik?
Im Kinderbereich sind es vor allem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen, also ADHS, sowie Störungen im Sozialverhalten, die Probleme machen. Meist sind das Kinder, die nur schwer Regeln einhalten können, die Dinge zerstören, andere Kinder schlagen, lügen oder stehlen. Bei den Jugendlichen spielen Essstörungen, vor allem Magersucht, eine Rolle, aber auch Depressionen sowie beginnende Persönlichkeitsstörungen, die zum Beispiel mit starken emotionalen Schwankungen und Selbstverletzungen einhergehen. Probleme, die auf Alkohol- und Drogenmissbrauch zurückgehen, sind glücklicherweise nicht so stark vertreten, wie man es vielleicht erwartet.
Sind Mädchen und Jungen zu gleichen Teilen betroffen?
Während im Kinderbereich 80 bis 90 Prozent der Patienten Jungen sind, kehrt sich das Verhältnis bei den Jugendlichen nahezu um. Nach außen gekehrte Aggressivität fällt eher auf, die Bereitschaft der Gesellschaft sie zu akzeptieren, scheint zunehmend geringer zu werden. Dadurch kommen die verhaltensauffälligen Jungen früher zu uns als die stillen, anpassungsfähigen Mädchen mit dem gestörten Selbstwertgefühl. Die fallen häufig erst auf, wenn es Symptome wie Magersucht, Selbstmordgedanken oder Ritzen gibt.
Welche Rolle spielt der soziale Hintergrund der Kinder und Jugendliche, wenn es darum geht, ob sie psychische Störungen entwickeln?
Kinder aus sozial benachteiligten Familien sind anfälliger für psychische Erkrankungen. Und da sind wir hier in der Region leider ein Risikobereich. Wobei noch hinzu kommt, dass sich in der Umgebung relativ viele Einrichtungen der stationären Jugendhilfe befinden und es auch eine unserer Aufgaben ist, diese Kinder, die nicht in ihren Familien leben können, psychiatrisch und psychotherapeutisch zu begleiten. Diese Kinder haben häufig schwierige Erfahrungen gemacht, sei es Alkoholkonsum, Gewalt oder Vernachlässigung in der Familie. Damit haben sie schwierigere Startbedingungen ins Leben und ein deutlich höheres Risiko als Kinder aus unbelasteten Familien, seelische Störungen zu entwickeln.
Welche Behandlungsmöglichkeiten bietet das Klinikum?
In unserer Klinik haben wir eine Kinder- und eine Jugendstation mit je zehn Betten für die vollstationäre Behandlung und je drei Plätze in der Tagesklinik. Zudem gibt es die Erlaubnis, die Tagesklinikplätze im Rahmen unserer Bautätigkeit auf insgesamt 13 zu erweitern. Zudem machen wir im Januar eine weitere Tagesklinik in Rüdersdorf auf. Unsere jungen Patienten werden von einem multiprofessionellen Team individuell behandelt. In diesem Team arbeiten Ärzte, Psycho-, Ergo- und Musiktherapeuten gemeinsam mit Sozialarbeitern, Schwestern, Erziehern und Pädagogen zusammen. Die Familien, vor allem die Eltern, werden in die Gesamttherapie mit einbezogen.
Wie muss man sich den Tagesablauf in der Klinik vorstellen?
Die Kinder und Jugendliche besuchen die Klinikschule, wo sie in kleinen Gruppen unterrichtet werden, haben Einzel- und Gruppentherapien, können an kreativen, aktivierenden Angeboten teilnehmen, haben aber auch freie Nachmittage, wo sie die Klinik verlassen oder Besuch empfangen können. In der zweiten Behandlungshälfte gehen sie tageweise in den sogenannten Belastungsurlaub, um das Gelernte im Alltag, in der Familie und in der Schule anzuwenden.
Wie lange dauert der Aufenthalt?
Das kann von wenigen Tagen bei Krisen bis zu zehn Wochen oder auch mal mehr sein.
Wie lange müssen Patienten auf einen Platz warten?
Unsere Plätze sind in der Regel voll belegt. Wir haben Wartelisten, die mal mehr, mal weniger lang sind. Wenn akute Krisen, wie Selbstmordgedanken, vorliegen, haben wir immer die Möglichkeit, jemanden kurzfristig aufzunehmen, zu stabilisieren und dann einen regulären Aufenthalt zu planen.
Wie sieht es im ambulanten Bereich aus?
Ambulante Behandlungen finden in den Psychiatrischen Institutsambulanzen, genannt PIA, statt. Die gibt es an vier Standorten, in Frankfurt in der Heilbronner Straße 1, außerdem in Eisenhüttenstadt, Seelow und Rüdersdorf. Pro PIA und Quartal behandeln wir 150 bis 200 Patienten. Die meisten kommen mit Überweisung oder auf Empfehlung. Nach einem ersten Gespräch geht es um die Diagnose und die Entscheidung, wie es weitergehen soll: Reichen Gespräche in größerem Abstand, maximal ein bis zwei Mal im Monat, kann das die PIA leisten. Bei intensiverem Bedarf braucht man niedergelassene Kinder- und Jugendpsychotherapeuten. Zudem gehört die Vor- und Nachbehandlung stationärer Aufenthalte zu den Aufgaben der PIA.
Wie schätzen Sie die kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung in der Region ein?
Wir sind mit den vier PIA relativ gut in der Region vertreten. Sie sind allerdings kein Ersatz für eine ambulante Psychotherapie. Derzeit gibt es nur zwei niedergelassene Kinder- und Jugendpsychotherapeuten in Frankfurt sowie je eine kinder- und jugendpsychiatrische Praxis in Fürstenwalde und Erkner. Ich freue mich sehr, dass meine Kollegin Eliska Reinhold im Januar eine Praxis in Frankfurt eröffnet und damit diese Lücke geschlossen wird.
Wie geht die Gesellschaft mit psychischen Problemen um?
Psychiatrien galten lange Zeit als Irrenanstalten, in denen Verrückte weggeschlossen wurden. Dieser Makel haftet dem Fachgebiet bis heute an. Viele haben Angst zu uns zu kommen oder machen bei ihren Freunden falsche Angaben zu ihrem Aufenthalt. Es ist leichter zu sagen, man sei wegen einem Beinbruch im Krankenhaus als aufgrund einer seelischen Erkrankung. Mir ist es daher wichtig zu vermitteln, dass es uns gemeinsam mit dem Patienten darum geht, Hilfe anzubieten, neue Wege aufzuzeigen, einfach das Leben wieder schöner und lebenswerter zu machen.