„Wenn es sie nicht gäbe, müsste sie erfunden werden“, sagt Geschäftsführer Klaus-Peter Oehler über die Kulturfabrik. Am Wochenende feiert das Haus seinen 30. Geburtstag, und Oehler hat mit seinem Team ein beeindruckendes Programm zusammengestellt. Ein besonderes Highlight verspricht das Gastspiel des Theaters Anu mit seinem Lichtspektakel am Freitagabend zu werden. Es war 2011 schon einmal zu Gast. „Mir erzählen heute noch Leute davon, wie schön das war“, sagt Oehler. Davor spielt die „Seilschaft“, die Band, die das poetische Erbe Gerhard Gundermanns pflegt und weiterentwickelt.
Die Geschichte des Hauses kann indes keiner so hintergründig und voll feinsinnigem Humor erzählen wie der Mann, der einst die Idee hatte, aus der alten Margarinefabrik eine Heimstatt der schönen Künste und des kulturellen Lebens werden zu lassen: Friedrich Stachat, selbst Künstler und Fürstenwalder Ehrenbürger.

Von Motten, Alarmmeldungen und verstopften Klos

„Ich war Hausmeister und Nachtwächter bis zur Erschöpfung“, sagt er über die Anfangsjahre, als er sich von einer kärglich bezahlten ABM-Stelle zur nächsten hangelte. „Wenn nachts eine Motte einen Bewegungsmelder auslöste, musste ich kommen“, erinnert er sich, er habe auch so manches verstopfte Klo gereinigt. „Aber das hat uns als Team zusammengeschweißt.“ Die oft erzählte Geschichte von den prekären Anfängen und der schwierigen Sanierung des alten Gemäuers ist durchsetzt von schwierigen Erfahrungen mit dem von Anfang an verfolgten Ziel einer breiten soziokulturellen Arbeit.
Mitte der 1990er-Jahre besuchten den Jugendclub vor allem rechts gerichtete Jugendliche. „Die wollten aus der Kulturfabrik so etwas wie eine national befreite Zone machen und haben auch schon mal Karate mit Möbeln gemacht, da habe ich sie rausgeschmissen.“ Auf Anraten eines Sozialarbeiters habe er dann den Klub für drei Monate geschlossen. „Danach war Ruhe.“ Zugleich aber sei die Einrichtung sehr früh ins Bewusstsein der Anspruchsvolleren gekommen. Wegweisend war auch, die Stadtbibliothek ins Haus zu holen und auf diese Weise viele ihrer Nutzer mit anderen Angeboten bekannt zu machen.
Friedrich Stachat, Ehrenbürger und Künstler aus Fürstenwalde
Friedrich Stachat, Ehrenbürger und Künstler aus Fürstenwalde
© Foto: Manja Wilde
Einer, der früh auf die Einrichtung aufmerksam wurde und ihr bis heute tief verbunden ist, ist Roland Schulze. Der frühere Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt – die zum Kreis der Gesellschafter der heutigen Kulturfabrik GmbH gehört – und SPD-Stadtverordnete räumt ein, dass er der Grundidee anfangs skeptisch gegenüberstand. Heute aber sieht er sie als große Chance und hebt hervor, dass das Haus mit seinen Einrichtungen – Stadtmuseum, Club im Park, Galerie im Alten Rathaus, das Team Frauen in der Fabrik, Kinderladen und Künstlerische Werkstätten – einen wesentlichen Teil des kulturellen und musealen Managements der Stadt versammele.

Die Kulturfabrik ersetzt Fürstenwalde ein Theater

Seiner Frau Heide und er loben die Vielfalt der kulturellen Veranstaltungen. „Für eine Kleinstadt wie Fürstenwalde ist das 1A, das erspart uns Wege nach Berlin oder sonst wohin“, sagt Schulze. Darin erkennt auch Oehler eine wesentliche Funktion der Einrichtung. „Fürstenwalde ist eine schöne, lebenswerte Stadt, aber wir haben kein Theater und nicht so viele Veranstaltungsstätten“, sagt er. Als weicher Standortfaktor sei die Kulturfabrik unerlässlich.
Das Ehepaar Schulze gehört dem ehrenamtlichen Freundeskreis der Kulturfabrik an, agiert als Multiplikator, sichert manchmal das Catering ab. Bei der Jubiläumsveranstaltung am Freitag (9. September) werden zahlreiche Freiwillige benötigt, um Kerzen aufzustellen und sie am Abend in kurzer Zeit zu entzünden. Auch dann sind Heide und Roland Schulze dabei und nehmen die mühselige Arbeit auf sich.
Schulze, inzwischen Rentner, ist immer noch politisch engagiert, als sachkundiger Bürger im Sozialausschuss. Er sieht eine „tolle Entwicklung“ in den vergangenen zehn Jahren. Sie beruhe darauf, dass die Einrichtung wesentlich durch die Stadt finanziert werde. „Dafür will ich mich auch weiter einsetzen“, sagt Schulze. Als Nutzer sind er und seine Frau oft beim Musikzyklus, aber auch gern bei den Theaterveranstaltungen. Einen ähnlichen Geschmack hat auch Stachat. Er verbringe immer noch viel Zeit im Haus, sagt er – und hoffe, dass es bald wieder mehr werden könne.

Das Programm der nächsten zehn Tage

Mittwoch 7. September, 19 Uhr: Lesung mit dem Kabarettisten Horst Evers „Ich bin ja keiner, der sich an die große Glocke hängt“. Karten im Vorverkauf (VVK) 24 Euro zzgl. VVK-Gebühr, Abendkasse 29 Euro.
Freitag, 9. September, 19 Uhr: Open-Air-Konzert mit der Gundermann-Band „Die Seilschaft“, VVK 22,82 zzgl. Gebühr, Abendkasse 29 Euro. Im Anschluss, bei Dunkelheit, wird ein Labyrinth aus 2500 Kerzen als Geburtstagsstrauß entzündet. Das Theater Anu erschafft ein leises poetisches Lichtspektakel. Der Eintritt dazu ist frei.
Sonnabend, 10.9., 19 Uhr: Open-Air-Konzert mit Polkaholix, VVK: 21 Euro, Abendkasse 26 Euro.
Dienstag, 13.9., 10 Uhr: Frauenfrühstück mit Friedrich Stachat – der Gründungsvater erzählt, wie alles begann. Unkostenbeitrag: 5 Euro.
Sonnabend, 17.9., 19 Uhr: Wenzel, „Lieder und Texte“, VVK: 24 Euro, Abendkasse 28,40 Euro.
Sonntag, 18.9., 16 Uhr: Alexander Lehmberg im Musik-Talk mit Beppo Küster, VVK 10 Euro, Abendkasse 13,50 Euro.