Das Buch ist der Grund für den Besuch der Professorin für Germanistik und Deutsche Literatur am Oberlin-College im US-Bundesstaat Ohio bei den Samariteranstalten in Fürstenwalde. Im Rahmen ihrer Forschungen auf dem Gebiet der Darstellung behinderter Menschen in der Kunst, in der Literatur, im Film und allgemein in den Medien fiel ihr der Bildband mit Texten von Franz Fühmann und Fotos von Dietmar Riemann in die Hände, der 1981 in den Anstalten entstanden ist. Das Interesse an dem Buch sei in akademischen Kreisen sehr groß, berichtet Elizabeth Hamilton. "Es gibt so gut wie keine vergleichbaren Werke, die Fotos sind realistisch, sie dokumentieren den Alltag, ohne die Porträtierten als Kuriositäten auszustellen. Das finde ich sehr beeindruckend."
Aus der Faszination für das Buch entstand das Projekt, es ins Englische zu übersetzen, um einen Einführungstext sowie Erläuterungen zu ergänzen. Beim Mitteldeutschen Verlag bestehe Interesse, eine zweisprachige, kritische Ausgabe herauszugeben, berichtet die US-Amerikanerin. Das Konzept müsse aber noch erstellt werden. Und zunächst wollte sie den Originalschauplatz besuchen und erfahren, was aus den Samariteranstalten und den Menschen von damals geworden ist. 13 von ihnen hat sie jetzt in Fürstenwalde getroffen, am Sonnabend ist sie zu Gast beim Fotografen Dietmar Riemann im baden-württembergischen Mosbach.
"Ich bin sehr dankbar für diese Gespräche. Die Menschen waren sehr offen und bereit, sich zu erinnern. Es war, als blättere man mit ihnen in einem Familienalbum." Schon jetzt habe sie eine neue Sicht auf ihr Projekt gewonnen. "Die Einführung, die ich bislang geschrieben habe, wirkt nach diesen Erlebnissen sehr trocken. Ich möchte den Begegnungen mit den Menschen einen Platz geben, sie nicht nur erwähnen, sondern anerkennen", sagt die Professorin. Denn durch sie habe der Begriff "Behinderte" Gesichter und Geschichten bekommen. "Ich werde meinen Text neu schreiben, nicht nur für eine akademische Leserschaft in den USA, sondern auch für die Menschen in Fürstenwalde", verspricht Elizabeth Hamilton.