Noch ist der Oder-Spree-Kanal für die Schifffahrt gesperrt. Doch das beginnende Tauwetter gibt Hoffnung. Bei Wernsdorf brauchte der Fürstenwalder Eisbrecher „Seeotter“ gestern noch Anlauf, um durchs Eis zu kommen.
Die Maschinen laufen auf Hochtouren. Die Schiffsschraube wühlt am Heck des Eisbrechers „Seeotter“ das Wasser kräftig auf, Eisschollen werden in die gerade frei gebrochene Rinne gespült. Doch vorwärts bewegt sich das Schiff keinen Zentimeter mehr, obwohl sich der Stahlkoloss mit 110 Tonnen gegen das Eis drückt. „Na, das wird spät heute“, sagt Schiffsführer Thomas Redel.
Er sitzt im Führerhäuschen auf einem erhöhten Sessel und überblickt durch die breite Fensterfront das Eis vor sich. Es ist wohl etwa 20 Zentimeter dick. „Genau kann ich das nicht sagen, man merkt es nur am Widerstand“, so Redel. Er stoppt die Maschine, kurzes Knacken, dann legt er den Rückwärtsgang ein. Das Schiff bewegt sich etwa zehn Meter zurück. „Jetzt nehmen wir Anlauf.“ Dort, wo es nicht weiterging, ist eine halbmondförmige Bruchstelle erkennbar. Das Schiff fährt frontal auf die Bruchstelle zu, hebt sich wegen des abgeschrägten Bugs auf das Eis und bricht es mit seinem Gewicht. Es rumpelt kräftig, das Schiff bewegt sich hin und her und knackt die Schollen in kleine und große Stücke. Nur wenige Meter weiter bleibt es wieder stecken, die Prozedur beginnt von neuem.
Für ein paar hundert Meter von der Schleuse in Wernsdorf bis zur ersten Kurve des Oder-Spree-Kanals dahinter benötigt die „Seeotter“ eine Dreiviertelstunde. Doch die beiden Männer an Bord nehmen es mit Gleichmut. „Der Weg ist das Ziel - der Weg ist unsere Arbeit“, fasst es Thomas Redel zusammen. An seiner Seite, mal draußen auf dem Deck, mal unten im Maschinenraum, ist der zweite Schiffsführer Gerhard Tauber unterwegs.
Vier bis fünf Tage arbeiten sie auf dem Schiff, dann ist die zweite Besatzung an der Reihe. Die Arbeitszeiten liegen je nach Schicht zwischen 5 Uhr früh und 22 Uhr abends. An Bord kann auch übernachtet werden. Zwei Kajüten stehen zur Verfügung, jede mit einem kleinen Bad, Dusche und WC.
Der Eisbrecher war das erste Schiff nach drei Wochen Stillstand, das die Wernsdorfer Schleuse durchfuhr. Für andere Schiffe ist der Kanal noch gesperrt. An engen Stellen, die noch dazu von dichten Kiefernwäldern beschattet liegen, staut sich das Eis. Vor Tagen gebrochene Schollen sind wieder zusammengefroren und bilden mehrere unterschiedlich dicke Lagen. „Wenn es richtig kalt ist, kann die Rinne nach einer Stunde wieder zugefroren sein“, sagt Tauber. Der 51-Jährige hat wie sein Kollege eine Ausbildung zum Binnenschiffer in Schönebeck (Sachsen-Anhalt) absolviert. „Danach war ich zwei Jahre Matrose und habe noch die Prüfung zum Schiffsführer abgelegt.“Wenn sich das Schiff seinen Weg durchs Eis erkämpft, heißt es gut festhalten. Doch je weiter es Richtung Fürstenwalde geht, desto weniger Widerstand gibt es. Mit maximal zehn Stundenkilometern dürfen Schiffe auf dem Kanal unterwegs sein. Da bleibt viel Zeit für Schaulustige am Ufer, Fotos zu machen und zu winken. Doch die meiste Zeit scheinen Schiff und Männer allein auf der Welt.
Bei Spreenhagen ist der Kanal so gut wie eisfrei. „So, jetzt müssen wir uns kleinmachen“, sagt Thomas Redel. Einen Meter senkt sich das Dach der Fahrerkabine, denn die Straßenbrücke naht. Geduckt wie in einem Panzer schaut Thomas Redel durch einen übrig gebliebenen Spalt vorn hinaus, als sich das Schiff unter der Brücke hindurchschiebt. Ein paar Enten, die sich auf Eisschollen ausruhen, eine kleine verirrte Schafsherde auf dem Deich, die kauend dem Schiff hinterherschaut, sowie vom Biber gefällte und angeknabberte Bäume säumen die nun ruhige Fahrt nach Fürstenwalde.