„Selber Schuld“ lautet das provokante Motto der 28. Brandenburgischen Frauenwoche. Mit über 30 Vorträgen, Filmvorführungen, Feiern, Frühstücken, Trommel- und Selbstverteidigungskursen, Lesungen und Spaziergängen läuft sie ab 1. März in Fürstenwalde.
Der 30. November 1918 war eine Sternstunde der Gleichberechtigung – damals trat in Deutschland das Reichswahlgesetz in Kraft, das Frauen mit dem allgemeinen und passiven Wahlrecht ausstattete. 100 Jahre später müssen Frauen noch immer mit Benachteiligungen in Beruf und Alltag leben – und bekommen die Schuld daran selbst in die Schuhe geschoben. „Sie suchen sich den falschen Job aus, tragen zu kurze Röcke und gründen eine Familie“, nennt Anne-Gret Trilling gängige Vorwürfe.
Entsprechend gelungen findet die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Fürstenwalde das diesjährige Thema der Brandenburgischen Frauenwoche: „Selber Schuld“. Das Motto, erklärt Trilling, ist bewusst provokant, denn es soll dazu anregen, Schuldzuweisungen zu hinterfragen und die Mechanismen dahinter zu erkennen. „Es sind nämlich strukturelle Benachteiligungen, die dazu führen, dass Frauen etwa im Alter häufiger von Armut betroffen sind.“ Womit die Gleichstellungsbeauftragte schon bei einer von mehr als 30 Veranstaltungen anlässlich der Frauenwoche ist, die in Fürstenwalde am 1. März beginnt und sich bis zum 23. März erstreckt.
„Lohnungleichheit und die Folgen im Alter“ diskutieren Vertreterinnen von Gewerkschaften und Personalräten beim Frauentagsfrühstück am 8. März bei der Gefas. Das soziale Zentrum „Haltestelle“ der Caritas organisiert einen Tag später eine Kaffeetafel in Neuendorf mit schwerer Kost: Die Diskussion um die Frage „Was verdient die Frau?“ soll in eine konkrete Forderung an Vertreter von Kreis und Land münden.
„Für uns ist die Istanbul-Konvention ein wichtiges Thema“, sagt Eyleen Scharmentke, Leiterin des Fürstenwalder Frauenhauses. Seit Februar sei das Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt in Deutschland in Kraft; dabei gehe es auch um Fragen des Sorgerechts: „Ein gegenüber der Mutter gewalttätiger Vater drängt auf Umgang mit seinen Kindern, was ist in diesem Fall höher zu bewerten – die Interessen des Kindes oder die der Frauen“, fragt Anne-Gret Trilling mit Hinweis auf eine entsprechende, vom Verein Frauen helfen Frauen initiierte Diskussion am 1. März: „Nur weil er die Mutter schlägt, ist er noch lange kein schlechter Vater“, so der Titel des Vortrags von Rechtsanwältin  Christina Clemm.
Selbstverteidigungs- und Trommelkurse, Lesungen von Wladimir Kaminer und der Stadtfraktion der Linken, Filme aus Frankreich und Sex-Talk mit Lilo Wanders – das Programmheft zur 28. Brandenburgischen Frauenwoche ist trotz fehlender Auftaktveranstaltung gut gefüllt: auch mit Klassikern wie dem Frauenstammtisch, dem Dachetagengespräch mit Elisabeth Alter (Gast ist die Landtagspräsidentin Britta Stark) sowie dem Mädchenwochenende im Südclub. Und mit Frühstücken: Nicht nur bei der Gefas, auch bei der Awo, beim Team Frauen in der Kulturfabrik und im Anwohnertreff Kiez Kom gibt es neben Vorträgen Kaffee und Brötchen.
Und das Jubiläum 100 Jahre Frauenwahlrecht? „Wird gewürdigt mit dem Auftritt von Clara Zetkin“, kündigt Anne-Gret Trilling ein Rollenspiel mit der frauenhistorischen Expertin Claudia von Gélieu an. Sie schlüpft in die Rolle von Clara Zetkin, die an der Umsetzung des Frauenwahlrechts entscheidend mitgewirkt hat. „Dazu“, ergänzt die Gleichstellungsbeauftragte, „gibt Rani Harami vom Verein Al Tariq einen Einblick in das Wahlrecht syrischer Frauen.“

Ausgewählte Veranstaltungen

„Nur weil er die Mutter schlägt, ist er noch lange kein schlechter Vater“

Vortrag mit Diskussion, 1. März, 18 Uhr, Lesecafé, Domplatz 4

Selbstverteidigung für Frauen

1. und 8. März, 19 bis 20.30 Uhr, VHS, Frankfurter Straße 70, Kosten: 16,80 Euro (Ermäßigung möglich)

Starke Frauen - Laute FrauenTrommeln mit Harald Wenzek, 2. März, 18 Uhr, Kulturfabrik

100 Jahre Wahlrecht für Frauen – Clara Zetkin blickt zurück, wir blicken nach vorn

Inszenierung und Diskussion, 2. März, 18 Uhr, Brauereikeller Altes Rathaus

Wladimir Kaminer

Lesung, 4. März, 16 Uhr, Kulturfabrik, Karten: 22,50 Euro zzgl. Vorverkaufsgebühr

Frauentagsbrunch

mit Vortrag, 8. März, 10 Uhr, Awo-Mehrgenerationenhaus, Kosten: 6 Euro

„Lohnungleichheit und die Folgen im Alter“

Vortrag mit Frühstück, 8. März, 9 bis 11 Uhr, Gefas, Hegelstraße 22, Kosten: 2 Euro

Frauentagsfeier AG Senioren

8. März, 14.30 Uhr, Kulturfabrik

Selber Schuld – Was verdient die Frau?

Kaffeetafel mit Vortrag, 9. März, 14 bis 17 Uhr, Willys Schankwirtschaft in Neuendorf, Anmeldung bis 28. Februar, Hauff-straße 3

Erlesenes – Gelesenes

Satirische Texte von Männern der Linken-Stadtfraktion, 10. März, 15 Uhr, Glasfoyer des Alten Rathauses

„Hereinspaziert“

Film, 12. März, 18.30 Uhr, Union-Kino, Kosten: 3 Euro

Liebe hat kein Alter – und Sexualität?

Frauenfrühstück, 13. März, 10 Uhr, Kulturfabrik, Kosten: 4 Euro

Lilo Wanders „Endlich 60! – Gaga, geil und gierig“

10. März, 19 Uhr, Kulturfabrik, Karten: 21 Euro zzgl. Vorverkaufsgebühr

Dachetagengespräch

mit Landtagspräsidentin Britta Stark, 15. März, 15 Uhr, Kulturfabrik