Es riecht nach Büchern. Jolina, Linn, Marte und Laura-Fabienne kennen den Geruch. "Hier haben sich die Lehrer im letzten Jahr Bücher gekauft", sagt Laura-Fabienne. Zögerlich durchquert die Elfjährige Halle 2, zwischen Ständen von Cornelsen, Klett und anderen Schulbuchverlagen sucht sie die Kinderbuchhandlung auf der Leipziger Buchmesse. "Wer sich hier auskennt, ist ein Weltmeister", sagt sie, entfaltet dann ihren Messeplan und taucht ab, um sich im Wirrwarr der Stände und Hallen zu orientieren. Der Sinn steht ihr und ihren Freundinnen nach neuem Lesefutter: Pferdebüchern - die lieben sie.
Computer, Handyspiele, Comicserien - lesen Kinder tatsächlich noch Bücher? "Unsere Kinder lesen viel", sagt Marion Micheel. Wenige Stunden bevor Laura-Fabienne mit ihren Freundinnen durch die Kinderbuchhandlung schlendert, sitzt die Schulleiterin der Freien Montessori Grundschule Hangelsberg im Bus nach Leipzig. Die Lust ihrer Schüler am Lesen wolle sie durch die Fahrt zur Buchmesse weiter fördern. "Angefangen hat es vor sieben Jahren. Da bin ich mit zehn Kindern gefahren, die sich mit ihrer Leistung im Lesen oder der Teilnahme am Buchclub hervorgetan haben."
Am Freitagmorgen sausen gut 160 Schüler, Lehrer und Eltern aus Hangelsberg in drei Bussen über die Autobahn - so viele, wie noch nie. Bei einem Leipziger Busunternehmen fand Marion Micheel nach ihrem ersten Messe-Ausflug ein günstiges Angebot für Fahrt und Eintritt, deswegen wurden es im Laufe der Jahre immer mehr Mitfahrer. "Erst sind nur die 5. und 6. Klassen mitgekommen", erzählt sie. Im Jahr darauf schlossen sich die Viertklässler an und mittlerweile dürfen auch jüngere Schüler mit Elternbegleitung die Buchmesse erkunden. "Auch Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche sind darunter", sagt Micheel.
Bücher haben im Bus nur zwei Mütter vor der Nase, die Gesichter vieler Kinder beleuchtet ein Handybildschirm. Während ihre Mitschüler spielen, schlüpft Paula Günther in ihren Einhorn-Anzug. Freundin Lea Lehmer trägt ihr Sailor Moon-Kostüm bereits: rote Leggings, blauer Rock, weiße Handschuhe. "Die Perücke kommt später", verrät ihre Mutter Nicole, "die Zöpfe sind total lang."
Comic-Figuren und Einhörner auf der Buchmesse? In Leipzig gehört ihnen eine ganze Halle. Zwischen Ständen mit Mangas - japanische Comics, die traditionell von hinten nach vorne gelesen werden -, bunten Perücken und putzigen Stofftieren, tummeln sich Batman, Elfen und Prinzessinnen. Sogenannte Cosplayer verwandeln sich mit entsprechender Kleidung in Figuren aus Manga, Comic und Film.
"Ich finde das total toll", staunt Paula, während sie später auf der Messe als weißes Einhorn durch die Manga-Halle streift. "Es gibt so viel zu sehen - die Mangas und all die anderen Bücher", sagt die Grundschülerin, verabschiedet sich dann: Sie muss weiter in die nächste Halle, um ihr Lieblingsbuch "Lotta-Leben" signieren zu lassen. Aus Erzählungen ihrer Mitschüler weiß sie, dass die Autorin Alice Pantermüller heute Autogramme gibt.
Laura-Fabienne, Jolina, Linn und Marte lassen eine Talkrunde mit der Berliner Schriftstellerin Ronja von Rönne links liegen, biegen rechts zur Kinderbuchhandlung ab. Zwischen Regalen und Stapeln mit Abenteuer-, Comic- und Fantasy-Büchern treffen sie auf ihre Mitschüler aus dem Leseclub. "Ein Manga fehlt jetzt noch", sagt die neunjährige Lucia und drängelt sich mit ihrer Liste zum nächsten Regal. Bepackt mit einem hohen Bücherstapel folgt ihr Guido Katholy. Er ist Vorstandsmitglied des Vereins Förderer der Montessori Grundschule Hangelsberg, der auch die Schulbibliothek unterstützt.
Auf den Manga "Miyako - Auf den Schwingen der Zeit" fällt die Wahl der Leseclub-Mitglieder Lucia, Emilia und Carolin. Ihre Liste - drei Fantasy-Bücher, drei Pferde-Romane, ein Manga, ein Buch der Kinder- und Jugendliteratur sowie drei Bücher für Erstleser - haben sie abgearbeitet. "Die Kinder überlegen sich vorher, welche Bücher sie für die Bibliothek anschaffen möchten", erklärt Katholy. Für die Fahrt zur Buchmesse hat er sich frei genommen. "Mein Sohn war auch schon mehrmals hier, mittlerweile geht er auf eine andere Schule."
Auf ein Rahmenprogramm, etwa eine Bücher-Rallye, verzichtet Schulleiterin Marion Micheel beim Ausflug zur Buchmesse. "Die Kinder sollen selbst erkunden." Sie sei begeistert, mit wie viel Interesse ihre Schüler durch die Hallen ziehen. Die elfjährige Lina Görsdorf hat von ihrem letzten Buchmesse-Besuch eine Notenpartitur mitgebracht. Welche Entdeckungen sie gemeinsam mit Mutter Kerstin in diesem Jahr macht, wird sie ihren Mitschülern bei der Rückfahrt im Bus mitteilen. "Und irgendwann", hofft Marion Micheel, "fährt die ganze Schule."